Beginn der Fastenzeit

Übung zum bewussten Leben

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Offenbach - Mit dem Beginn der Passionszeit am heutigen Aschermittwoch rufen mehrere Fastenaktionen zum Mitmachen auf und ermuntern dazu, während der 40 Tage bis Ostersonntag auf Genussmittel oder lieb gewordene Gewohnheiten zu verzichten. Von Harald H. Richter

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Die seit mittlerweile 31 Jahren veranstaltete Aktion „Sieben Wochen Ohne“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steht diesmal unter dem Motto „Selber denken, sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid beteiligen sich daran Millionen Menschen oder haben in der Vergangenheit schon einmal teilgenommen. Sie soll ermutigen, Bekanntes kritisch zu beleuchten und den eigenen Verstand zu gebrauchen. „Es geht darum, die Frage zuzulassen, ob das vermeintlich Richtige und Allgemeingültige wirklich so sicher, fest und unumstößlich ist, wie es daherkommt“, sagt Arnd Brummer aus Frankfurt, seit 2006 Geschäftsführer der Aktion.

Überall in Deutschland finden nun Menschen zueinander. In Langen besteht seit Jahren eine Fastengruppe, die sich aus einem festen Stamm von etwa zehn bis 15 Personen jeden Alters zusammensetzt. Dieser um Neugierige erweiterte Kreis trifft sich von heute an wieder jeden Mittwochabend im Evangelischen Gemeindezentrum des Johannesbezirks an der Uhlandstraße. „Gemeinsam werden wir uns anhand von Texten und Input von außen unsere eigenen Gedanken machen“, sagt Gemeindepfarrerin Christiane Musch und verrät: „Wir schauen, wo wir in den Texten der Bibel Unterstützung finden, um diesen Weg zu gehen.“ Bilder und religiöse Lieder liefern zusätzliche Anstöße. Neu sind bei der diesjährigen Aktion weltliche Lieder, etwa von Bob Marley, U2 und The Clash, die das selber Denken, Suchen und Handeln in den Fokus nehmen. Wie in Langen, so finden sich auch in anderen Kirchengemeinden Gruppen zusammen, etwa in Dietzenbach. In Offenbach trifft sich auf Initiative der evangelischen Familienbildungsstätte und in Zusammenarbeit mit der Stadtkirchengemeinde von heute an jeden Mittwoch eine Gruppe, um für sich die Idee des sinnvollen Verzichts zu entdecken.

Viele Kirchengemeinden wollen in der Passionszeit Gottesdienste dahingehend thematisieren, sich für einen Moment mit ganzer Aufmerksamkeit auf die Zentralfigur des Lebens, Jesus Christus, zu konzentrieren. Andere kirchliche Einrichtungen versenden Fastenbriefe mit Erfahrungsberichten von Teilnehmern. Enthalten sind darin auch biblische Geschichten, Gedichte und Karikaturen. So entsteht eine Gemeinschaft von Fastenden, die das Gefühl eint, nicht allein zu kämpfen, sondern sich gegenseitig zu bestärken. Die Passionszeit wird also im gemeinsamen Zugehen auf Ostern bewusst erlebt. Und für viele Menschen verwandeln sich in dieser Zeit Süchte wieder in Sehnsüchte.

In einigen Bundesländern ermuntern die Kirchen dazu, das Fahrzeug so oft wie möglich stehen zu lassen und die Wege zu Fuß, per Rad, Bus oder Bahn zurückzulegen („Autofasten“). Sollte der Wagen nicht durch andere Verkehrsmittel zu ersetzen sein, soll man Fahrgemeinschaften bilden. Das Ziel dieser zum 17. Mal stattfindenden Aktion ist es, den persönlichen Lebensstil zu verändern und gleichsam zur Verringerung der Kohlendioxid-Emission beizutragen. An dieser Klimaschutz-Maßnahme der Kirchen haben bisher mehr als 20.000 Personen teilgenommen. Gemessen an der Gesamtbevölkerung nicht allzu viel, aber ein erster Schritt.

Nach den Karnevalstagen verzichten viele Menschen nicht nur für mehrere Wochen auf Alkohol oder Süßes. Jeder dritte Deutsche würde am ehesten sein Handy auslassen. Das zeigt eine Umfrage im Auftrag der Kasse DAK-Gesundheit. Jeder zweite Befragte hat bereits in der Vergangenheit bestimmte Genussmittel oder Konsumgüter aus seinem Alltag gestrichen. „Gezielter Verzicht kann für den Körper und die Psyche des Menschen langfristig ein Gewinn werden“, erklärt DAK-Expertin Silke Willms. „Wer Entspannung sucht, findet die Lösung vielleicht durch einen anderen Umgang mit seinem Handy oder Computer. Wer es schafft, sein Leben für mehrere Wochen umzustellen, hat gute Chancen auf eine generelle Stärkung des Bewusstseins.“

Die meisten Deutschen (71 Prozent) können und wollen der Umfrage zufolge auf das feucht-fröhliche Vergnügen Alkohol verzichten. Nein zu sagen zu Süßigkeiten und Knabbereien aller Art ist eine relativ altbewährte Fastenmethode. Den meisten Bundesbürgern fällt diese nicht sonderlich schwer. 66 Prozent können sich laut Umfrage vorstellen, Gummibärchen und Schokolade zu entsagen. Immerhin 44 Prozent der Befragten wollen während der Fastenzeit ohne Zigaretten auskommen. Die wohl traditionellste aller Methoden ist aber der Verzicht auf Fleisch. Besonders in christlichen Familien wird kein Fleisch gegessen, nur Fisch ist erlaubt - allerdings auch nur freitags. 34 Prozent glauben indes, knapp zwei Monate komplett ohne Fernseher auskommen zu können. Viele schwächen die Regel aber etwas ab und verzichten lediglich auf das Unterhaltungsprogramm oder nur auf die Lieblingssendung.

Eine originelle, aber dennoch berechtigte Methode ist der Verzicht auf alle bösartigen oder gemeinen Worte während der Fastenzeit. So kann man zumindest sieben Wochen lang als guter Mensch durch die Welt laufen, der keine rücksichtslosen Worte kennt und seinen Nächsten achtet.

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