Sitzung der Bürgeler Ranzengarde

Raga: Mit gekröntem Finale

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Schweinisch süß: Miss Piggy doppelt im Publikum.

Offenbach - Ein ganz heißer Abend im Pankratiussaal. Das liegt nicht allein an der mangelnden Lüftung, sondern in erster Linie am Programm. Schautanz, Büttenreden, Gesang – da beweist die Raga ein glückliches Händchen. Eine Verschnaufpause gibt’s in der Narhalla nur selten. Von Martin Kuhn

Gar nicht lange gefackelt: Nach dem Einzug – am ersten Abend ohne OKV-Abordnung, Ordentausch und Küsschen – bringt der Schautanz der Fidelen Nassauer einen ersten Augenschmaus. Jürgen Wiesmann erzählt als „Einkäufer“ gereimt und pointiert von einem leidgeprüften Familienoberhaupt in den Einkaufsmeilen der Republik. Man(n) erkennt sich wieder: „Ich hol’ mir erst paar Socke, ihr kennt ja die Tricks, weil ab em Dreierpack Socke, kost’ mich die Tiefgarage nichts...“

Bühne frei für die Tanzsportler der Raga. Eine fesche Polka in neuen Kostümen (stets an der Nähmaschine: Gisela Schäfer ) legen Jacqueline Langosch, Leona Schwab, Chantal Pfannkuchen, Madleen Reif, Mara Münsch, Mona Schröder und Arina Kobylin hin. Einstudiert, wie alle weiteren Nummern, ist das mit Trainerin Claudia Latzke.

Als Apotheker schaffte es Jens Baumgärtner bereits ins Hessen-Fernsehen, aber auch in Bürgel überzeugt er mit seinen Rezepten; schließlich ist es an ihm, ärztliche Diagnosen zu übersetzen – etwa das Porzellan-Defizit-Sydrom. Der Apotheker versucht dann in nette Worte zu kleiden, dass „die Alt net mehr alle Tasse im Schrank hott.“ Oder warum macht man gleich zwei Diäten? Ei, weil man von einer allein nicht satt wird... Duffdä, duffdä, duffdä.

Klinikum und Rettungsschirm

Nach diesen Pointen, die überall passen, wird’s spezieller und lokaler. Gardetrommler (Tobias Stephan) und Marktfrau (Dagmar Winter) haben’s mit den Offenbacher Nöten und Befindlichkeiten: „Klinikum zu verkaufen, in bester Lage Offenbachs, 40 Prozent auf alles, was keinen Stecker hat.“ Nein,  Geiz ist nicht geil. Der Blick auf die direkte Nachbarschaft wird ebenfalls  karnevalistisch geschärft: „Ja , es geht mir net ins Hirn, es freu’n sich übern Rettungsschirm nicht nur die bankrotte Grieche, auch die TSG will siege, mit dem Geld von unsrer Stadt, des kriege sie, da biste platt!“

Es folgt Tanzsport aus den eigenen Reihen: Emily Keul, Chantal Schilling, Lara Stoll, Lea-Marlin Krüger, Lara Klemenz, Lisa Sellmer und Lana Michon bilden die Minis; zur ersten Polka-Gruppe gesellen sich Sandra Hofmann, Marlene Dreger und Nadja Javanoic und Anna Cipriani. Ihre Playback-Nummer in Anlehnung an den 1988er Film „Hairspray“ stockt trotz stilgerechter Kleidung vor allem musikalisch. Dafür hat Wolfgang Zühlke keinerlei Verständnis: „Das wird Konsequenzen haben! Als erstes werfen wir die CD raus!“ Jawohl, Herr Sitzungspräsident, so rettet man eine Nummer, die vor allem die Akteure den Tränen nahe bringt.

Da haben’s Betty (Andrea Stephan) und ihre Berjel Boys (Stefan Quadt, Mario Dorn, Michael Tippmann, Tobias Stephan) leichter – sie singen live bekannte Melodien mit neuen Texten. Es geht um Kickers, Fluglärm, Oberbürgermeister, Vogelnest und Klimapfad: „Finanziert aus ’nem Eurotopf, braucht die manch’ Berjeler wie ein Kropf.“

Bürgeler Ranzengarde: Bilder von der Sitzung

Galasitzung der Ranzengarde

Kapelle Ausmarsch, Elfer raus, Kapelle Einzug, Elfen rein! Es ist heftig und deftig, als Olga Orange (Thomas Rau) in rotem Paillettenkleid kalauert. Er/sie schildert die Last mit den Pfunden, erstmals kurz nach der (Haus-) Geburt. Als die Hebamme auf seinen Popo klappst, ruft die Mutter entsetzt: „Herrje, mein Kind zittert!“ „Nein, es wackelt nach!“ Auch er weiß, wie man einen Saal rockt: Für Patrick Himmel räumt er die Bühne („Ich setz’ mich bei Herrn Grüttner auf den Schoß.“), der mit dem Partyhit „Schatzi, schenk’ mir ein Foto“ abräumt. Da legen Herbert Mahlow, Mario Dorn, Sandro Bath, Rudi Fritz und Wolfgang Brüssing als Herren-Ballett („Gazellen“) gern eine Schippe drauf – in Anlehnung ans österreichische Ende im Mozart-Stil. Ganz anders die Raga-Jugend: Mit Gangnamstyle von Rapper Psy rocken und kleiden sie sich durch alle Genres. Prima.

Politisch völlig unkorrekt gibt sich Oma Lenchen (Uschi Steinbacher), deren Zielperson allerdings nicht im Saal ist - Oberbürgermeister Horst Schneider. Macht ihr nichts aus, kommt irgendwie schon an die richtige Adresse, wenn sie die Politik einmal genauer betrachtet: „Nicht das Erreichte zählt, sondern des Erzähle reicht...“ Ein stimm- und bildgewaltiges Finale bilden die Röchler. Mit „Sisi und Franz“ geht’s wahrlich hoch hinaus, alles hand- und selbstgemacht. Etwa die Version nach Falcos „Rock me, Amadeus“: „Er ist ein Superstar, in ganz Europa bekannt, doch ziemlich unbeliebt, nicht nur in Griechenland. Auf Schulden aufgebaut und völlig ohne Hirn, ihr wisst schon, wen ich meine, den Euro-Rettungsschirm.“ Ein Hammer-Finale...

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