Sitzung der Gemaa Tempelsee

Krankenhaus bleibt nicht aus

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In bunter Kostümierung erfreuten die Gemaa-Minis Augen und Herzen der Sitzungsbesucher.

Offenbach - Bissige Büttenreden, Orden am laufenden Meter und fliegende Mädchenbeine: Die Gemaa Tempelsee baut bei ihrer Elfersitzung auf Bewährtes. Und ein begeistertes, bunt kostümiertes Publikum gibt ihr Recht. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Nach Stadthalle, Capitol, Emil-Renk-Haus und Stadthallenfoyer zum zweiten Mal die schöne Albert-Schweitzer-Turnhalle: Der Saal ist ausverkauft, der Abend läuft dank guter Technik nach Plan. Gerade ein Zehntel der Miete fürs Stadthallenfoyer kostet die Halle. Einziges Manko: „Mehr als 200 Stühle dürfen nicht aufgestellt werden, das wäre eine Nutzungsänderung und verursachte hohe behördliche Kosten“, sagt Elfer-Vorsitzender Matthias Roth. Vier Stunden hält die Gemaa ihre Besucher ohne Pause bei Laune. Wer danach noch Kondition hat, tanzt zur Musik der Peter-Bauer-Kapelle.

Mit elf Paukenschlägen eröffnet der Spielmannszug Hainstadt das Spektakel. Ein gut gelaunter Sitzungspräsident Jürgen Kofink grüßt. Dann sind die Kleinsten dran. Mit roten Pippi-Langstrumpf-Zopf-Perücken und grünen Kittelkleidchen hüpfen sie analog ihrem Vorbild über die Bühne. Vom Techno-Reload des Pippi-Lieds wäre das Original begeistert gewesen. Der einzige Junge zwischen 13 Mädchen steckt im Herr-Nilsson-Affenkostüm.

Zeit für den Einmarsch des Prinzenpaars. Robert und Manuela aus Burgilla plädieren für jecken Nachwuchs und Nominierung der Fastnacht als Weltkulturerbe. Terminstress hin oder her: Ums Singen kommt die heisere Manuela nicht herum. Zur Melodie von Abbas „Waterloo“ unterstützt sie der Hofstaat.

Talent zum geschliffenen Reim

Ein Höhepunkt ist Jürgen Kofinks Jahresprotokoll. Unmöglich, sämtliche Pleiten und Pannen von Politik und Gesellschaft abzuarbeiten; der Präsident pickt sich zwei Dutzend heraus. Da sind die von einer Schildkröte durchgebissene Achillessehne, der NSA-Skandal, die Neuauflage der Patchworkfamilie Große Koalition. Steuersünder wie Alice Schwarzer („Deshalb muss der Moralapostel aller Frauen den Mist jetzt selbst erst mal verdauen“) und Uli Hoeneß sind ebenso fällig wie CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, die Gelben ADAC-Engel und Limburgs Bischof Tebartz-van Elst. Und oje: Das Offenbacher Krankenhaus bleibt leider aus dem Protokoll nicht raus...

Einfacher hat es Kofinks Tochter Bianca. Das Talent zum geschliffenen Reim hat sie vom Papa, ihr aktuelles Thema entspringt eigener Erfahrung: „Drum rechne ich heute nicht zu knapp widder mal mit allen Männern ab!“

Bütten-Ass Charly Engert

Einer, der lange bei der Gemaa pausiert hat, ist Wolfgang Braun. Der Kolpinger klagt als pensionierter Lehrer über schwindende Lebenssäfte. „Die alten Zähne waren schlecht, man beginnt sie rauszureißen. Die neuen Zähne kommen da gerade recht, um mit ihnen ins Gras zu beißen“, variiert Braun einen Vierzeiler von Heinz Erhardt. Zudem outet er sich als fleißiger Leser der „Rentner-Bravo“ („Apotheken-Umschau“). Die Wechseljahre hinter sich hat auch Charly Engert. Als „B-b-b-booodo“ wird er nie müde, seinen tragisch-verpfuschten Lebenslauf zum Besten zu geben: „Ich bin daheim zur Welt gekommen, meine Mutter musste erst ins Krankenhaus, als sie mich gesehen hat!“

Einer, der mit programmierbarer Pünktlichkeit den Saal zum Toben bringt, ist der Ober-Rodener Hochgeschwindigkeitsredner Boris Reisert. Aktuell ist der Schiedsrichter als „Wedding-Planer“ unterwegs, behauptet, er habe die letztjährige Hochzeit von Matthias Roth bis ins kleinste Detail perfekt auf die Beine gestellt, einschließlich Camping-Flitterwochen im schnakenverseuchten Kühkopf.

Bilder der Gemaa-Sitzung

Frohsinn bei der Gemaa

Wer so vor Selbstbewusstsein strotzt, schreckt vor der größtmöglichen Katastrophe nicht zurück: Mischehe zwischen einem Offebacher Mädsche und einem Frankfurter Jung. Völlig klar, dass diese Trauung nur im Chaos enden kann, „da kann auch e Wedding-Planer nix mehr mache“. Allein der Gabentisch spricht Bände: „E 1000-seitige Scheidungsratgeber, wenn der nix hilft, e Baseballschläger, e Bügeleisen gegen Falten, ei Zehnerkatte fürn Psychiater.“ Resümee: Hochzeit mit rekordverdächtigen 80 Verletzten, darunter Kickers- und Eintracht-Fans.

Friedlicher, aber nicht weniger temperamentvoll geht es bei den Tänzerinnen zu. Die zwölf jungen Damen der 1. Garde der Seligenstädter Fastnachts-Freunde müssen gleich zweimal auf die Bühne, holen mit perfekten Kostümen, akrobatischen Formationen und Pyramiden das Flair des rheinischen Karnevals an den Main. Nicht weniger bunt und feurig sind die Pretty Girls der Turnabteilung. Ihre Samba-Rhythmen erinnern daran, dass auf der anderen Erdhalbkugel auch Karneval gefeiert wird – was mancher angesichts des Gemaa-Rausches fast vergessen hätte...

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