Der Stolz der Großen

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Polka tanzen die „großen“ Mädchen – nur einer von zahlreichen unterhaltsamen Punkten bei der Raga-Jugendsitzung.

BÜRGEL - Zumindest zur Fastnacht ist es in Offenbach ein wenig wie bei den bekannten Comic-Galliern. Zwar nicht von Römern, ist Offenbach in diesen Tagen belagert von Faschingshochburgen: Bieber und Bürgel oder Burgilla, wie es närrisch heißt. Von David Heisig

In letzterer halten die Karnevalisten schon traditionell sehr lange den Oberen den Spiegel vor. Allen voran die Ranzengarde (Raga) von 1904, die mit schönen Uniformen der Staatsgewalt Paroli bietet.

Auch deren Nachwuchs lässt sich nicht lumpen und beweist bei der Jugendsitzung im Pfarrzentrum von St. Pankratius karnevalistisches Geschick. Laut Raga-Bekunden ist das die älteste Jugendsitzung in Hessen. Nach den Sommerferien beginnt die Planung der Jugendleiter, im Herbst starten die Proben, erzählt Kinder- und Jugendleiterin Elke Kromm.

50 Kinder machen beim Programm mit – auf der Bühne, im Elferrat und hinter den Kulissen. Viele von ihnen kommen aus in mehreren Generationen vorbelasteten Familien. „So werden die groß, infiziert, wenn die geboren werden“, erzählt Gisela Wiegand lachend. Sie ist selbst bei den Frauensitzungen der Pfarrgemeinde St. Pankratius aktiv und als „Burgilla II.“ von edlem Bürgeler Fastnachtsgeblüt.

Stolz blickt sie zur Bühne. Dort ist gerade das Bürgeler Kinderprinzenpaar mit dem Kinder-Elferrat, dem Elferrat der Raga und dem Offenbacher Prinzenpaar samt Hofstaat eingezogen. Kinderprinzessin Donna I. (Donna Schwab) ist Wiegands Enkelin. Gemeinsam mit Prinz Maxi dem Starken von Burgilla (Maxi Winter), Hofdame Chiara von Berz und dem Mohr – Vanessa, der Wilden von Kirchner – hat sie die Regentschaft in der fünften Jahreszeit übernommen. Klar, dass dann auch in Gestalt des Prinzenpaars „die Chefs von Offenbach“ in Bürgel Station machen.

Ein wenig gefrotzelt wird da schon, wenn Raga-Elfer Wolfgang Zühlke mit Blick auf die Körpergröße von Ministerpräsident Simon Isser betont: „In Offenbach muss man schon ein wenig größer sein.“ Oder dem Prinzenpaar unterstellt wird, es habe versucht, dem kleinen Mohren einen der begehrten Mohrenorden abzuluchsen. Alle stimmen jedoch gemeinsam ein: „Wir aus Burgilla feiern heute Fassenacht!“

In der ersten Nummer tanzen die Minis der Tanzsportgruppe, die Ragaböppscher, eine Polka. Als Kleine gestartet, werden sie die Fastnachtsleiter nach oben klettern. „Das ist ganz schön entwickelt“, berichtet Kromm. Neben der Kinder- sei eine gute Jugendabteilung mit 14- bis 19-Jährigen entstanden.

Fließend sind die Übergänge zu den „Großen“ der Raga. Dennoch drückt auch dort der Nachwuchsschuh: „Wir sind schon sehr am Suchen“, so Kromm. Es sei schwieriger geworden, die Kinder für Tanzsport und Fasching zu begeistern. Was vielleicht auch damit zusammenhänge, dass viele Familien in den Stadtteil zugezogen seien, die mit der langen Fastnachtstradition von Burgilla nicht viel anfangen könnten und erst überzeugt werden müssten, vermutet Kromm. Auch seien viele Kinder in der Schule stark eingespannt.

Dass Gardetanz viel Training und Ausdauer erfordert, sieht der geneigte Beobachter den gekonnten Darbietungen der Minis an. Danach erzählt Pia Jürges als Raga-Kind von ihren Erlebnissen: „Als ich auf die Welt kam, rief erstmal keiner Hallau und Gut Stuss“. Schließlich sei sie an einem Aschermittwoch geboren. Für die närrischen Eltern eine Enttäuschung. Heute mache sie bei jeder Kappenfahrt mit.

Galasitzung der Ranzengarde

Galasitzung der Ranzengarde

Fetzig wird’s wieder, als die großen Mädchen der Tanzsportgruppe mit einem „Hairspray-Tanz“ bezaubern, bevor es in der Mini-Playback-Show einen Marionettentanz zu sehen gibt und die großen Mädchen eine Polka tanzen. Anschließend betritt das Kinderprinzenpaar mit Mohr als „Familie Knaddel“ mit einem Zwiegespräch die Bütt und beweist, dass auch in einer kleinen Familie viel karnevalistischer Zündstoff liegen kann.

Dass man nicht um den Hitparadenstürmer „Gangnam Style“ aus Südkorea herumkommt, beweist die große Jugend. Auch wenn Hits wie „Let’s Twist Again“, „YMCA“ und „Waterloo“ nicht fehlen dürfen.

Das große Finale bilden die „Raga-Miniröchler“, die Lieder zum orientalischen Thema singen. „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen mag thematisch nicht so passen, beschreibt aber gut die Stimmung: Eine rundherum runde Sache!

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