Fastnachterin ein Leben lang

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Anne Becht freut sich über die Einladung des OKV, den Jubiläumszug morgen von der Ehrentribüne aus zu verfolgen. Vor 64 Jahren fuhr sie als 15-Jährige beim allerersten Fastnachtszug als Page auf dem Prinzenwagen mit.

Offenbach ‐ Eigentlich hat sie nur in unserer Redaktion angerufen, um zu wissen, wo sie sich beim morgigen Jubiläumszug des Offenbacher Karnevalvereins am besten hinstellen sollte. „Ich kann ja nicht mehr so lange stehen, möchte aber unbedingt zum Zug“, verriet die fast 89-jährige Anne Becht. Von Veronika Szeherova

Wissen Sie, ich war damals, beim ersten Zug im Jahr 1936, als Page mit auf dem Prinzenwagen.“  Ein kurzer Anruf beim OKV-Vorsitzenden Manfred Roth genügte: „Frau Becht bekommt von uns eine Freikarte für die Ehrentribüne“, versprach dieser.

Anne Becht war überglücklich, als sie vorgestern die Einladung aus ihrem Briefkasten holte. „Ich freu mich so sehr, wieder mit dabei zu sein - wenn auch nur als Zuschauer.“ Im Gespräch wurde sie nachdenklich, als sie die alte Fotografie von 1936 betrachtete: „Die vielen Erinnerungen sind das Beste, was man im Alter hat. Der Tag damals gehört zu meinen allerschönsten Erinnerungen.“

Mit Rokoko-Anzug und Perücke erlebte sie als 15-Jährige den ersten Fastnachtszug von hoch oben auf dem Prinzenwagen des neu gegründeten OKV. Sie war eine der vier Pagen des Prinzenpaars Johann Heinrich I. und Helene I. „Gerdi Siebert und die Geschwister Erna und Lotte Wehner waren die drei anderen“, erinnert sich Becht. „Wir waren alle vier im Schwimmverein OSV 96 und sehr gute Freundinnen.“

In der Bütt hat Anne Becht erst vorige Woche gestanden

Ausgiebig sei in dem Jahr Fastnacht gefeiert worden. Am Faschingsdienstag gab es sogar komplett schulfrei. „Wir Kinder sind dann zwischen Marktplatz und Kaiserstraße hin und her gelaufen und haben lauthals gesungen“, erinnert sich die gelernte Schneiderin lächelnd. Überhaupt seien die Menschen „außer Rand und Band“ gewesen. „Sehr viel Schönes hat man ja in den Jahren vorher nicht erlebt, und in den Jahren danach erst recht nicht“, fügt sie mit ernster Stimme hinzu. Und an Fastnacht sei, nicht nur aus Geldmangel, sowieso nicht zu denken gewesen.

Die Zeiten wurden besser, als Anne im Jahr 1947 heiratete. „Mein Mann war immer ein sehr lustiger, fröhlicher Mensch“, schwärmt Becht, „der das Talent hatte, die Leute mit seinen Worten in den Bann zu ziehen.“ Das Ehepaar engagierte sich in der freireligiösen Gemeinde, beide stellten sich dort auch immer wieder in die Bütt. „Wir waren keine Kinder von Traurigkeit“, schmunzelt Becht. „Es war, als hätten wir etwas nachzuholen.“

In der Bütt hat Anne Becht erst vorige Woche wieder gestanden - bei den Hoechst-Pensionären. „Mein Mann hat lange dort gearbeitet und tolle Reden gehalten“, erzählt die zweifache Großmutter.

Von den vier Pagen, die 1936 im ersten Prinzenwagen mitfuhren, lebt außer ihr nur noch Gerdi Siebert. Allerdings im fernen Kanada.

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