„Da verarmen zwei Generationen“

Fehlende Kita-Plätze: Starthaus-Mitarbeiterin muss Arbeit aufgeben

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Starthaus-Chefin Andrea Egerer am leeren, früheren Arbeitsplatz ihrer Kollegin. Gern würde sie Sevgi Gül wieder einstellen. Doch diese findet keine Kinderbetreuung.

Offenbach – Wie eine berufliche Laufbahn zusammenbrechen kann, weil es keinen Kinderbetreuungsplatz gibt, zeigt das Beispiel von Sevgi Gül. Von Veronika Schade

Die 40-jährige Langenerin, Mutter zweier Kleinkinder, kann wegen fehlender Kitaplätze ihrer Arbeit in der Verwaltung des Offenbacher Bildungsträgers Starthaus nicht mehr nachgehen. Sehr zum Bedauern ihrer Chefin Andrea Egerer, die sich deshalb an unsere Zeitung wendet. „Wir haben unter unseren Kurs-Teilnehmerinnen oft junge Frauen, die wegen fehlender Kinderbetreuung in staatliche Abhängigkeit rutschen. Nun trifft es eine Mitarbeiterin von uns.“ Das Thema, das vor allem Alleinerziehende, aber auch in Partnerschaft lebende Frauen betrifft, ist für sie von großer öffentlicher Relevanz – es werde aber kaum diskutiert.

Von ihrer Angestellten Sevgi Gül spricht sie voller Anerkennung. Aufgewachsen in Deutschland, mit türkischer Abstammung, hat sie eine vorzeigbare Berufslaufbahn hingelegt. Realschulabschluss, Abendgymnasium, Ausbildung zur Justizfachangestellten am Offenbacher Amtsgericht, mehrere Jahre bei der Lufthansa-Personalabteilung. „Eine Top-Kraft“, betont die Geschäftsführerin.

Dann bekommt die junge Frau innerhalb kurzer Zeit zwei Söhne. Der Ältere ist mittlerweile drei Jahre alt, der Jüngere knapp zwei. Durch den Schichtdienst ihres Mannes bleibt deren Betreuung fast ausschließlich an ihr hängen. Trotz rechtzeitiger Bemühungen bei der Stadt Langen um Kitaplätze erhält sie für beide Kinder nur Absagen. „Man sagte ihr sogar, sie habe Glück, dass der Ältere überhaupt einen Platz ein Jahr vor der Einschulung bekommt“, erzählt Egerer kopfschüttelnd.

Trotzdem will die gut qualifizierte junge Frau wieder arbeiten. Als sie der Starthaus-Chefin, die sie schon länger kennt, von ihrer Situation berichtet, hat diese eine Spontanlösung: „Ich konnte eine Kollegin wie sie gut gebrauchen, stellte sie hier in der Verwaltung als Teilzeitkraft ein.“ Im Mai vergangenen Jahres beginnt das Arbeitsverhältnis. Nach sieben Monaten, zum Jahresende, löst Gül es schweren Herzens wieder auf.

„Es war ihr zu viel, das gleichzeitig mit den Kindern zu stemmen. Schon morgens, wenn sie hier ankam, war sie oft ganz durch den Wind“, sagt Egerer. Zwar habe sie die Jungen in der hauseigenen Kinderbetreuung untergebracht, die eigentlich für Kinder der Kursteilnehmer im Starthaus vorgesehen sind. Dabei handele es sich um eine stundenweise Betreuung ohne feste Gruppen und Strukturen, die Kinder in diesem Alter brauchen.

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

„Wir haben im Starthaus einen Kindergarten mit 25 Kigaplätzen und 40 Krabbelkindern, die sind immer lange vorgebucht.“ Selbst wenn es Egerer gelungen wäre, Plätze für die beiden Jungen freizuschaufeln, hätte das Jugendamt einen Riegel vorgeschoben. „In Offenbach dürfen nur Offenbacher Kinder aufgenommen werden. Das ist ein generelles Verbot, weil der Bedarf in der Stadt schon so hoch ist.“ Man habe alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Auch, über eine Anwältin einen Betreuungsplatz zu erklagen. „Das Ergebnis war ein 1000 Euro teures Schreiben, das sie vors Verwaltungsgericht bringen würde – in voraussichtlich zwei Jahren.“ Auch an den Langener Bürgermeister hat Gül geschrieben. Und bis heute keine Antwort erhalten.

So ist Gül, die bei den Kollegen und Kursteilnehmern sehr beliebt war („Für die muslimischen Frauen, die bei uns deutsch lernen, war es toll zu sehen, dass eine Muslima mit Kopftuch in unserer Verwaltung arbeitet“), arbeitslos, bezieht Wohngeld. „Davor war sie niemals auf Hilfe vom Staat angewiesen“, betont Egerer. „Für Frau Gül war es im Grunde ein Glücksfall, dass wir uns kannten, ich ein soziales Unternehmen leite und ihr in vielem entgegenkommen konnte. Trotzdem war es leider nicht von Dauer.“ Auf dem normalen Arbeitsmarkt könnten Frauen in einer solchen Situation erst recht keinen Fuß fassen.

Die Starthaus-Geschäftsführerin weiß um die langfristigen Folgen – wegen geringer Rentenbeiträge droht Altersarmut. „Wenn die Frauen nicht berufstätig sind und Hartz IV beziehen, rutschen sie auf den Wartelisten in den Kitas nach hinten. So sinken die Chancen weiter, aus dieser nicht verschuldeten Spirale rauszukommen“, so Egerer. Dabei seien nicht nur die Mütter selbst die Leidtragenden, sondern auch ihre Kinder. „Da verarmen gleich zwei Generationen.“

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