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500 Absagen für Inobhutnahmen in Offenbacher Jugendhilfezentrum

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Von: Philipp Bräuner

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Kapazität oft am Limit: Im Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum auf der Rosenhöhe musste man im vergangenen Jahr 500 Gesuche um Inobhutnahmen ablehnen.
Kapazität oft am Limit: Im Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum auf der Rosenhöhe musste man im vergangenen Jahr 500 Gesuche um Inobhutnahmen ablehnen. © bräuner

Die Zahlen sind erschreckend: Im letzten Jahr musste das Theresienheim in Offenbach 500 Anfragen von Inobhutnahmen abweisen. Ein Interview mit Geschäftsführer Thomas Domnick über Gründe und Lösungsmöglichkeiten.

Es sind schwierige Zeiten für die Kinder- und Jugendhilfe. Im vergangenen Jahr musste das Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum (TKJHZ) auf der Rosenhöhe 500 Anfragen für Inobhutnahmen abweisen. So oft waren Jugendämter gezwungen, weiter nach Plätzen für Kinder in Not zu suchen, die kurzfristig aus ihren Familien herausgenommen werden mussten. Wir haben mit dem Geschäftsführer des Theresienheims Thomas Domnick über mögliche Gründe und Lösungsmöglichkeiten für dieses gravierende Problem in der Kindern- und Jugendhilfe gesprochen.

Im Theresienheim gab es im letzten Jahr 500 Abweisungen von Inobhutnahmen. Wie kommt es zu dieser großen Zahl?

Zunächst einmal muss ich klarstellen, es gab insgesamt deutlich mehr Abweisungen in unseren Einrichtungen. In unserer Einrichtung in der Stadt Offenbach gab es 500 Abweisungen, im Kreis noch einmal ähnlich viele. In den Jahren davor hatten wir pro Haus etwa 150 Abweisungen. Neben den Nachwirkungen von Corona sind es gesellschaftliche Veränderungen, bei denen Eltern mit ihren Kindern und Jugendlichen nicht mehr gut klarkommen. Umgekehrt gibt es aber auch Jugendliche, die sich melden und sagen: „Ich will zu Hause raus“. Inobhutnahme heißt ja immer: kurzfristig, in einer Notsituation Kinder und Jugendliche aus einer Familie herauszunehmen. Auch eine hohe Unsicherheit in der Gesellschaft spielt da mit rein: Ukraine-Krieg, Inflation, Angst um den Arbeitsplatz. Das sind einfach ganz viele verschiedene Themen, die da zusammenkommen und Druck in den Familien aufbauen. Und dieser Druck landet dann in der Regel bei den Kindern und Jugendlichen.

Was wären kurz- oder mittelfristig konkrete Maßnahmen, die seitens der Politik aber auch allgemein gesellschaftlich ergriffen werden könnten?

Rezepte gibt es da wahrscheinlich nicht. Ich glaube, man müsste viel mehr Beratungsarbeit machen. Vor allem die Frühen Hilfen deutlich ausbauen, damit Eltern zeitig in der Erziehung unterstützt werden. Letztlich ist es aber auch ein gesellschaftliches Problem, dass Eltern oft nicht mehr als Eltern und damit als Erziehungsberechtigte auftreten, sondern eher Freund oder Freundin des Kindes sein wollen. Damit fällt dann die Erziehung aus. So bekommen dann Schulen plötzlich einen Erziehungsauftrag, der so von ihnen gar nicht umsetzbar ist. Natürlich hat Schule auch einen Erziehungsauftrag, aber eben nicht ausschließlich.

Was empfehlen Sie an dieser Stelle?

Man braucht mehr Beratung für die Eltern. Begleitung, Ausbau von Erziehungsberatung, offene Treffs. Auch wir überlegen, wie wir ein Elterncafé in Offenbach etablieren können, zu dem Eltern einfach kommen können, sowohl von unseren Kindern und Jugendlichen als auch Eltern, die einfach Schwierigkeiten in der Erziehung oder im Umgang mit ihren Kindern haben, um dort einfach begleitend oder beratend zu wirken. Aber auch, um sich untereinander auszutauschen. Auch hier ist das eher eine gesellschaftliche Frage. Denn das sind letztlich auch Auswirkungen davon, dass dieser gesellschaftliche Zusammenhalt immer mehr zerfällt. Und damit auch eine gegenseitige Unterstützung in der Erziehung. Dazu gehört unter anderem eine hohe Mobilität in der Gesellschaft. Wenn beispielsweise die Eltern sehr weit von den Großeltern oder allgemein von familiären Strukturen entfernt leben, dann fallen die als Unterstützung aus.

Welche Kapazitäten hat das Theresienheim für Inobhutnahmen? Und wie läuft so eine Inobhutnahme praktisch ab?

Wir haben eine Kapazität von etwa 30 Plätzen in der Gesamtorganisation. In einem praktischen Fall läuft das so ab, dass oft die Polizei alarmiert wird, meist wegen Streitigkeiten in einer Familie, und das Kind kann nicht in der Familie bleiben. In Rücksprache mit dem Jugendamt wird dann das Kind aus der Familie genommen. Das kann nachts sein, das kann am Wochenende sein. Die Polizei bringt das Kind dann in die Inobhutnahme. Je nach Alter und den Umständen, in denen sich die Kinder befinden, werden sie dann dort unterschiedlich begleitet. Zur Sicherheit geben wir keine Adressen bekannt, sodass die Eltern in der Regel nicht wissen, wo das Kind untergebracht ist.

Was passiert, wenn die Kinder länger bei Ihnen bleiben?

Dann organisieren wir eine Beschulung und besonders eine Tagesstruktur für die Kinder und Jugendlichen. In der Regel sollten sie maximal sechs bis acht Wochen in der Inobhutnahme sein, denn dabei geht es ja bloß um einen Übergang. Wir stellen aber fest, dass durch fehlende Folgeplätze die Kinder länger bleiben und so auch Freundschaften aufbauen. Das ist in diesem Fall immer schwierig, denn das heißt dann für das Kind: Ich bin drei Monate in so einer Inobhutnahme, baue Beziehungen auf und wenn ich woanders hinkomme, brechen die schon wieder ab. Was unsere Kinder ganz oft haben, sind permanente Beziehungsabbrüche in ihrem jungen Leben, wenn also vorher keine stabilen Beziehungen da waren und auch in der Inobhutnahme keine stabilen Beziehungen entstehen. Diese ist wie gesagt nur ein Übergang. Für die Zeit danach heißt es dann, eine gute Lösung zu finden. Denn es soll ja nicht irgendeine Wohngruppe irgendwo sein, wo das Kind untergebracht wird. Da wäre das Risiko groß, dass es dann nach ein paar Monaten heißt: Das ist die falsche Maßnahme und wir beenden das.

Nun gab es aber ja insgesamt 1000 Abweisungen von Inobhutnahmen in ihren Einrichtungen. Was passiert denn in diesen Fällen mit den Kindern?

Es ist so, dass die Jugendämter dann natürlich schauen müssen, wo es noch andere Inobhutnahme-Stellen gibt. Da werden wir mittlerweile bundesweit nachgefragt, das ist eine Konsequenz daraus. Vor Kurzem hatten wir einen Anruf vom Jugendamt aus Hannover, die dringend einen Platz gesucht haben. Und die Mitarbeiterin sagte mir, sie telefoniert Deutschland von Nord nach Süd durch. Und nun sei sie in Südhessen angekommen. Aber nirgends gab es einen Platz. Wir versuchen in solchen Notsituationen den Jugendämtern auch zu helfen und individuelle Lösungen schaffen. Es kam auch schon einmal vor, dass Mitarbeiter ein Kind mit zu ihnen nach Hause genommen haben.

Das Gespräch führte Philipp Bräuner

Thomas Domnick, Geschäftsführer Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums
Thomas Domnick, Geschäftsführer Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum © Agenturen

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