Was fehlt Ihnen denn? Ärzte!

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In der Allgemeinarztpraxis von Renate Ulrich (links) ist jetzt mit Miriam von Lieven (Mitte) eine Internistin und Diabetologin an Bord. Auch über deren Terminkalender wacht Astrid Lehmann.

Offenbach - „Unser Gesundheitswesen scheint seit Jahren selbst erkrankt zu sein.“ Der Direktor des Instituts für Gesundheitswirtschaft, Prof. Dieter Benatzky (Bad Endorf), erhält stets viel Beifall für seine plakative Zustandsbeschreibung. Von Harald H. Richter

Zwar dürfte noch keine Intensivtherapie notwendig sein, dennoch besteht Anlass zur Sorge. Negativeinflüsse gibt es reichlich: Budgetierung von medizinischer Leistung und Zeit, Honorardeckelung, ausufernde Bürokratie, die sich in immer mehr Papierkram ausdrückt, und nicht zuletzt die schon jetzt vorhandene Ärzteknappheit auf dem Lande. Obwohl der Mediziner in der Öffentlichkeit nach wie vor hohes Ansehen genießt, leidet die Attraktivität seines Berufsbilds. Besonders arg trifft es die Hausärzte.

„Von freiem Beruf kann heute nicht mehr die Rede sein“, sagt Dr. Renate Ulrich, Ärztin für Allgemeinmedizin. Die 62-Jährige, die im Offenbacher Stadtteil Bieber seit 35 Jahren eine Hausarztpraxis betreibt, weiß um die Probleme ihres Berufsstandes. Die Bedingungen, vergleicht man sie mit jenen Ende der 1970er-Jahre, als sie die Praxis von ihrer Mutter übernahm, haben sich merklich verändert. Die von der Politik gesteckten Rahmenbedingungen und die bei jedem Ministerwechsel im Gesundheitsressort wieder neu justierten Stellschrauben wirken nachteilig, eben weil ökonomische Zwänge die medizinische Versorgung zunehmend belasten. Vor allem auf dem Land ist der Zustand prekär. „Dieser wird sich zu einem entscheidenden Thema im deutschen Gesundheitssystem entwickeln“, ist Prof. Dieter Benatzky überzeugt. Große Städte wie München oder Hamburg hätten diese Sorge nicht, dort konzentrierten sich viele Ärzte und auch zu viele Krankenhausbetten.

Feminisierung des Arztberufes

Ganz anders die Situation in der Fläche. Immer weniger junge Ärzte wollen dort eine Praxis eröffnen – bei gleichzeitig immer mehr älter werdenden und nicht selten auch mehrfach erkrankten Menschen. Die Situation dürfte sich in den nächsten Jahren verschärfen. Eine Befragung junger Medizinstudenten hat ergeben, dass sich nur jeder Zehnte vorstellen kann, auf dem Land eine Arztpraxis zu eröffnen, bzw. eine bestehende zu übernehmen. Sogenannte weiche Faktoren, die einen Standort für junge Ärzte attraktiv machen, wie der nächste Supermarkt, die Kindertagesstätte und das Kulturangebot, sind für sie zunehmend wichtig.

Fakt ist auch, dass heute 70 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Feminisierung des Arztberufes. Sie haben andere Lebensentwürfe als männliche Kollegen, wollen Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Da ist es fast unmöglich, die Mehrzahl der Stunden mit dem Aufbau einer Praxis zu verbringen. Aber auch junge männliche Kollegen stehen der Arbeitsbelastung in Klinik und Praxis eher skeptisch gegenüber. Viele junge Ärzte wollen sich diesen Stress nicht mehr antun. Ihr Ziel: halbtags angestellt arbeiten. Der moderne junge Arzt will seine knapp bemessene Freizeit anders nutzen. Der Begriff „Life Balance“ wird gerade für diese neue Generation immer wichtiger.

Viele angehende Ärzte wandern aus

Von denen, die sich für den Arztberuf entscheiden, wandert eine nicht unerhebliche Zahl aus. Ganz oben auf der Wunschliste stehen die Schweiz und die skandinavischen Länder, berichten Ärztekammern und Berufsverbände. Studien belegen, dass es Auswanderungswilligen weniger auf die nur ungleich bessere Bezahlung in diesen Ländern ankommt. Ihre Hauptargumente, Deutschland den Rücken zu kehren, sind die uferlose deutsche Bürokratie und die schlechten Arbeitsbedingungen.

Dr. Renate Ulrich hat vor kurzem ihre Praxis in Bieber um die Internistin und Diabetologin Miriam von Lieven verstärkt und so das ärztliche Versorgungsspektrum in diesem Teil Offenbachs erweitert, besonders in den Bereichen Sonographie und Schlafmedizin. Die 36-Jährige von Lieven arbeitet im Angestelltenverhältnis, und war zuletzt als Funktionsoberärztin in der Diabetiker-Ambulanz des Schiffer-Krankenhauses in Frankfurt-Sachsenhausen tätig. Sie ist selbst verheiratet und hat eine kleine Tochter. Beide Ärztinnen planen, die Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität in Frankfurt zu intensivieren. Vor Jahren bereits war die Praxis für Allgemeinmedizin dem Netzwerk akademischer Forschungsgruppen der Uni beigetreten und beteiligt sich an strukturierten Behandlungsprogrammen für chronisch kranke Patienten auf den Gebieten Diabetes, Asthma und koronare Herzerkrankungen.

Fortbildungen und ausführliche Patientengespräche

Regelmäßige Fortbildungen und Praxiszertifizierungen gehören daher zum ärztlichen Alltag wie das ausführliche Patientengespräch, die Diagnosestellung und die individuelle Behandlung, zumal dem Hausarzt als erstem Ansprechpartner eine gewisse Lotsenfunktion für die Patienten zukommt. Die Weiterbildung muss also ebenfalls irgendwie untergebracht werden im Zeitbudget. „Vor allem weil wir innerhalb eines fünfjährigen Zeitraums bestimmte Punktzahlen zu erreichen haben, vergeht kaum ein Monat ohne Fortbildung. Ansonsten sind Abstriche beim ärztlichen Honorar die Folge“, erläutert Dr. Ulrich.

Und so reihen sich allgemeinärztliche Qualitätszirkel und Schulungen auf den Gebieten Kardiologie, Nephrologie und Rheumatologie aneinander, stehen Nachmittags-, Abend- und Wochenendweiterbildungen zu anderen Themen im Kalender. Das alles ist dann noch mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst unter einen Hut zu bringen und darf ganz nebenbei den Familienfrieden nicht gefährden.

Durch Einschnitte in der Therapiefreiheit sowie zunehmenden Einfluss von Krankenkassen auf die ärztliche Entscheidungskompetenz schwindet die Attraktivität des Berufs ebenfalls. Trotzdem sieht sich die Praxis von Dr. Ulrich in Bieber - mit mehr als 15 000 Menschen einwohnerstatistisch größter Offenbacher Versorgungsbezirk - in einen vergleichsweise akzeptablen Rahmen eingefügt. Dies gilt auch für die Praxen der übrigen am Ort niedergelassenen Ärzte. Der Stadtteil mit seiner über Jahrzehnte gewachsenen Struktur wird zurzeit ausreichend versorgt, was nicht überall in Offenbach so ist.

Die seltensten Krankheiten der Welt

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Der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) zufolge verteilen sich die 75 Hausärzte in der Stadt zwar relativ passabel auf 55 unterschiedliche Adressen. Dabei können unter einer Anschrift mehrere Hausärzte, beispielsweise in einer Berufsausübungsgemeinschaft, tätig sein. Auffallend ist aber die hohe Dichte im Stadtzentrum, während es auf der Rosenhöhe (Vorderwaldweg), in Waldheim und im Bereich Mühlheimer Straße überhaupt keine Praxisstandorte gibt. Im Landkreis Offenbach praktizieren 196 Hausärzte an 137 unterschiedlichen Standorten. Nach Einschätzung der KVH sind sie alles in allem noch gut sortiert und entsprechend der Bevölkerungsstruktur in den Kommunen Mühlheim, Obertshausen, Neu-Isenburg, Langen und Dietzenbach verdichtet.

In der Stadt Offenbach sind die meisten Hausärzte (56 Prozent) 50 bis 59 Jahre alt. Zum Vergleich: Hessenweit machen sie 44,2 Prozent aus. Dafür sind in Offenbach nur 8 Prozent 60 Jahre oder älter, im Landesdurchschnitt jedoch 20,2 Prozent. Dies liegt an der Überalterung der Ärzteschaft auf dem Lande und dem damit einhergehenden Mangel an Nachwuchskräften. Auf Kreisebene liegt der Anteil der praktizierenden Hausärzte, die 60 Jahre oder älter sind, mit 22,45 Prozent leicht oberhalb des Landesdurchschnitts. Faktisch gibt es keine feste Altersgrenze, nach der Ärzte ihre Zulassung zurückgeben müssen, aber es liegen Erfahrungswerte vor. Deshalb hat die KVH eine Prognose erstellt und eine Praxisaufgabe im Alter von 68 Jahren angenommen. Ihrzufolge wird spätestens im Jahr 2025 ein erheblicher Bedarf an Hausärzten in der Stadt Offenbach bestehen. Auf den Landkreis bezogen, sind die Zukunftserwartungen ähnlich.

Dr. Ulrich in Offenbach-Bieber sieht ihre Praxis eigentlich gut aufgestellt. Aber auch in ihrem Fall wird in einigen Jahren die Nachfolgefrage zu regeln sein. Wie frei ihr Berufsstand dann noch sein wird, vermag sie nicht einzuschätzen.

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