Feinde auf Füßen und Reifen

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Ausweichende Antwort auf die Besetzung des Radwegs mit Kinderwagen auf breiter Front: Am Mainufer kommen sich Radler, die auf diesem Foto im Recht wären, und andere oft in die Quere. Nicht immer ist das Problem so schnell vorbei.

Offenbach - Der Mensch, der vorwärts kommen will, ist ein faszinierendes Geschöpf. Obgleich nur selten ausschließlich Auto-Anbeter oder Fahrrad-Fundamentalist, lässt er, sobald auf vier oder zwei Reifen unterwegs, anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber Intoleranz walten. Von Marcus Reinsch

Dann ist der Böse immer der andere. Für den Autofahrer („Idiot!“) ist‘s der Radfahrer („Depp!“), weil der mit seinem Vehikel die Freude an der breiten Straße schmälert. Für den erfolgreich auf den Gehweg verdrängten Radler wird der Fußgänger („Lahme Krücke!“) zum Feinbild, weil der sein ureigenes Hoheitsgebiet trotz penetrantem Klingeln nicht flott genug räumen will. Der Fußgänger wiederum findet den Inlineskater („Rowdie, jugendlicher!“) blöd, weil der sich selten entscheiden kann, ob er nun eigentlich geht, fährt oder fällt. Und für manches Mutter-Kinderwagen-Gespann („Blöde Pute!“) scheint schlicht alles, was nicht mindestens 20 Meter Abstand hält, als Auslöser für undamenhafte Gesten und Beschimpfungen („Verbrecher!“) zu taugen.

Der Wechselwirkungen zwischen den Fortbewegungsarten sind viele, der echten Heiligen auf Straßen, Rad- und Fußgängerwegen bekanntlich wenige. Also kracht es. Oft mit Worten, was vor Gericht, und manchmal in den Knochen, was im Krankenhaus enden kann. Der Begriff Individualverkehr wird gerade jetzt, da das Wetter wieder mitspielt, von vielen Individuen als Aufforderung missverstanden, sich losgelöst von der Straßenverkehrsordnung ihren eigenen Bewegungsspielraum zu erobern.

Hat auch die Frankfurter Polizei festgestellt - und verkündet, dass es bald eine eigens auf das Sündenrepertoire von Radlern zugeschnittene Bußgeldbroschüre geben soll. Auch die, glaubt Peter Weigand, Chef im Offenbacher Ordnungsamt, könne natürlich nur eine Sammlung schon bestehender Regeln sein. Die zehn Gebote für die Welt der Pedalritter vielleicht. Du sollst nicht auf dem Gehweg fahren, du sollst rote Ampeln ehren, du sollst nicht begehren deines Nächsten Fahrspur…

Aber dass es auch Offenbacher Radlern gut tun würde, sich jetzt zum Beginn der Freiluftsaison an Erlaubtes und Verbotenes zu erinnern, würde Weigand sofort unterschreiben. Ähnlich, wie es die Frankfurter Polizei vorhat, „werden wir versuchen, uns in diesem Sommer verstärkt drum zu kümmern. Es kommt natürlich immer darauf an, was wir an freien Streifen auf die Straße bekommen.“

Im vergangenen Jahr nahmen die Mitarbeiter vor allem die Fußgängerzone, wo das Radeln ab 10 Uhr tabu ist, ins Kontrollvisier. In diesem Jahr soll auch die östliche Innenstadt stärker bestreift werden. Erwischt wurden im Zentrum schon viele, zahlen mussten wenige. „Es blieb meist bei Ermahnungen.“

Zum Ermahnen gäbe es viel. „Das Fahren auf dem Gehweg ist weit verbreitet. Und gerade in der Berliner Straße, wo wir beidseitig wunderbare Fahrradwege haben, wundere ich mich. Da fahren die Radler von der Straße auf den Gehweg und donnern durch die Fußgänger.“ Vielleicht liege das an der Angst vor der direkten Nachbarschaft von Radweg und normaler Fahrbahn. „Aber wir können da nunmal keine Mauer hinstellen, um das voneinander zu trennen.“

Konflikpotenzial gebe es auch am Mainufer, wo die Wirkung die gleiche und die Ursache eine ähnliche sei: „Dort sind in weiten Bereichen Fahrrad- und Fußgängerspur getrennt. Die Radwege aber sind gerade bei den Inlineskatern sehr beliebt, die rangeln sich dort um die besten Plätze. Und mittendrin sind die Fußgänger.“ Fußstreifen der Stadtwache griffen ein, wenn sie solche Situationen beobachteten.

Rezepte? Schwierig. Abschreckung durch hartes Durchgreifen wirkt offensichtlich nur kurz. Erfolg verspreche längerfristig nur, was die Ordnungshüter von Kommune und Polizei schon im Repertoire haben: Verkehrserziehung für den Nachwuchs, Schwerpunktkontrollen - und den jährlichen gemeinsamen Aktionstag, an dem viel Personal zum Kontrollieren, Aufklären, Appellieren ausschwärmt.

Und vielleicht die Stärkung der eigenen Vorbildfunktion: Einige Polizeidienststellen haben Fahrräder, auf denen Ermittler zu Streifenfahrten starten und beispielsweise Gehweg-Radlern zumindest erzieherisch wertvolle Blicke zuwerfen. „Die wissen dann schon, was los ist“, sagt Polizeisprecher Ingbert Zacharias. Beim Ordnungsamt wird das Vorbild-Radeln schon problematischer. „Wir hatten mal zwei silberfarbene Hollandräder für die Bestreifung von Grünanlagen“, erklärt Amtsleiter Weigand. „Aber die Dinger wollte keiner fahren. Da haben wir sie wieder verkauft.“

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