Diabetes-Auslöser

Die Feinde der Gesundheit

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Ein Mädchen, das an Diabetes erkrankt ist, bekommt mit einem Pen das notwendige Insulin gespritzt. Die Zuckerkrankheit trifft längst nicht mehr nur Alte und Dicke.

Offenbach - TV, PC, Smartphone sowie zu viel Zucker und Salz - der Offenbacher Experte Dr. Christian Klepzig kennt die Auslöser von Diabetes. Von Harald H. Richter

Jeder dritte Bundesbürger ist zu dick, jeder sechste stark übergewichtig. Sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden diagnostiziert an Diabetes; vermutlich sind weitere zwei Millionen mit bislang unbekanntem Diabetes betroffen. Eine Volkskrankheit.

Zu diesem Schluss kommt der aktuelle deutsche Gesundheitsbericht. Deutschland hat die höchste Rate an Diabetes-Kranken in ganz Europa. Dabei wäre gegensteuern so einfach, am besten schon in der Kindheit. „Wer seinen Lebensstil verändert, kann das Risiko wesentlich verringern“, sagt der Offenbacher Diabetologe Dr. Christian Klepzig, Mitglied im Hessischen Diabetesbeirat.

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Selbsthilfe vor Ort und im Internet

Klepzig hat eine ganze Anzahl Präventionsdefizite ausgemacht. „Die größten Feinde der Gesundheit sind heutzutage TV, PC und Smartphone“, sagt der Mediziner, ein Mann klarer Worte, der unbequeme Wahrheiten nicht scheut. Hier müsse der elterliche Erziehungsauftrag ansetzen, der Fernsehkonsum beziehungsweise die Internetnutzung der Sprösslinge limitiert werden. Wer sich nicht mehr mit dem Freund zum Fußballspielen trifft, sondern nur noch chattet oder im Internet spielt, läuft Gefahr zu erkranken, ist Klepzig überzeugt. „Denn aus einem inaktiven Kind wird ein übergewichtiger Jugendlicher und schließlich ein fettleibiger Erwachsener“, weiß der Diabetologe aus langjähriger Praxiserfahrung und spricht sich dafür aus, dass Kindern in der Schule täglich mindestens eine Stunde Bewegung ermöglicht wird – und zwar frei von benotetem Sport. Modellversuche solcher Art seien erfolgreich.

Der Mediziner plädiert zudem für einen nationalen Bewegungsplan und zückt – mit gutem Beispiel vorangehend – einen Schrittzähler aus der Tasche. „Zehntausend Schritte am Tag verringern das Erkrankungsrisiko um 30 Prozent.“ Öfter mal die Treppe nehmen anstatt den Aufzug oder die Rolltreppe, den Weg zum Supermarkt nicht mit dem Auto zurücklegen. Wer jeden Morgen sein Kind mit dem Auto zur Schule bringe, statt es zu Fuß oder mit dem Rad dorthin zu begleiten, mache sich etwas vor.

Zeit für radikale Veränderung

Als Erwachsener habe man es in der Hand, das eigene Diabetes-Risiko und das seiner Kinder zu minimieren. „Heutzutage muss kaum jemand noch 60 Wochenstunden schuften, sondern kann mit Sicherheit jeden Tag 30 Minuten seiner Freizeit zu Bewegung nutzen.“

Außerdem sei die Zeit reif für radikale Veränderungen bei den Ernährungsgewohnheiten. „Wo sind denn die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten in der Familie geblieben?“ fragt Klepzig. Kaum noch werde zusammen gefrühstückt, zu Mittag gegessen ohnehin nicht. Und auch am Abend versammelten Eltern und Kindern sich immer seltener um den Essenstisch. Vielmehr werde der schnelle Happen unterwegs, der Snack zwischendurch und auf der Couch, insgesamt zu fette und kohlenhydrathaltige Nahrung zu sich genommen. „Gerade für Zuckerkranke ist das verheerend.“

Dr. Christian Klepzig

Diabetes ist heute aber eine so weit verbreitete Erkrankung, dass auch die Gesellschaft in der Pflicht steht, die Lebensverhältnisse so zu verändern, dass möglichst viele Menschen möglichst lange gesund bleiben. Rechtzeitig zum Welt-Diabetes-Tag ist mit dem Gesundheitsbericht eine nüchterne Bestandsaufnahme auf den Tisch gekommen, die auch klare Handlungsdirektiven beinhaltet. Darin wird eine Zucker- und Fettsteuer verlangt, um Produzenten dazu zu bringen, ihre Rezepturen gesünder zu gestalten. Eine Forderung, die der Offenbacher Diabetologe unterschreibt. „Ebenso sollten wir Verbilligungen für gesunde Lebensmittel, etwa für Obst und Gemüse, in Betracht ziehen und Werbeverbote für zu süße, zu fette und zu salzige Lebensmittel verhängen.“ Im Gesundheitsbericht wird auch ein Verkaufsverbot für Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke an Schulen gefordert. Stattdessen sollte der Trinkwasserkonsum in Betrieben, öffentlichen Einrichtungen und an Schulen attraktiv gefördert werden.

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Nach wie vor erkranken jeden Tag in Deutschland fast tausend Menschen neu an Diabetes. Klepzig verweist auf eine neue US-amerikanische Studie. Die Ergebnisse waren verblüffend: Das Diabetes-Risiko derjenigen, die es schafften, ihr Gewicht zu reduzieren, sank um 58 Prozent. Der Schlüssel zum Erfolg ist eine Kombination aus einer gesünderen, das heißt vor allem fett- und salzärmeren Ernährung, und mehr Bewegung. Auch die Vermeidung von Stress, ausreichend Schlaf, kein Nikotin und geringer Alkoholkonsum trugen dazu bei, die Blutzuckerwerte deutlich zu reduzieren. „Diesen Weg, noch mehr auf Prävention zu setzen, müssen wir auch in Deutschland gehen“, meint der Diabetologe, „und zwar konsequent.“

Dazu passt sein Vorschlag, an jeder Rolltreppe und jedem Lift einen Hinweis anzubringen mit der Frage an alle Lauffaulen: „Wollen Sie wirklich den bequemeren Weg nehmen oder vielleicht doch besser den gesünderen?“

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