Kinderarbeit, die Spaß macht

+
Louisa vor den fertigen Muffins. Gegessen wird jedoch erst am Nachmittag.

Offenbach - Die Ferienspiele der Arbeiterwohlfahrt (Awo) sind jedes Jahr für hunderte Offenbacher Kinder ein großes Erlebnis. Seit vergangenem Jahr basiert das Angebot auf einem neuen Konzept. Von Ramona Poltrock

Die Awo und der Verein Kaleidoskop haben eine Kinderstadt entwickelt, bei der die Kleinen eine „richtige“ Gesellschaft simulieren und die Welt der Erwachsenen erfahren können.

Kleine Holzhütten auf dem Gelände im Hainbachtal stellen einzelne Arbeitsstätten für die Kinder dar. Es gibt eine Verwaltung, Bank und Post, eine Saftbar und Wellnessoase sowie eine Bäckerei und Kreativwerkstatt. In den verschiedenen „Betrieben“ bleiben die Kinder für jeweils zwei Stunden. Anschließend suchen sie sich eine neue Arbeit oder nehmen Urlaub.

Die neunjährige Louisa hatte gestern ihren ersten Tag. Sie hat sich zu Beginn beim dortigen Einwohnermeldeamt und Arbeitsamt gemeldet. Für die ersten zwei Stunden war sie dann in der Bäckerei tätig. Dort backte sie gemeinsam mit anderen Kindern Muffins, Bananenkuchen und Crêpes für den Nachmittag. Arbeiter und Einwohner können dann mit ihren verdienten „Kalawos“ kommen und sich das Selbstgebackene kaufen. Kalawo ist die stadteigene Währung. Die arbeitenden Kinder verdienen sechs Kalawo pro Stunde, wobei zwei Kalawo Steuern abgezogen werden. Die werden benötigt, um die Mitarbeiter bei der ortsansässigen Stadtverwaltung, der Müllabfuhr oder der Polizei zu entlohnen.

Rund 50 Betreuer

Doch es sind nicht immer genug Arbeitsplätze vorhanden. Für die Kinder, die momentan nicht arbeiten oder schon an vielen Stationen geholfen haben, gibt es dann auch den wohlverdienten, mit vier Kalawo bezahlten Urlaub. In der Zeit können die Kinder Ausflüge mitmachen oder sich im Jugendzentrum oder an der Saftbar aufhalten – und natürlich müssen auch die Ausflüge und die anderen Freizeitaktivitäten bezahlt werden.

Aleja spart noch für den Urlaub. Sie ist die zweite Woche in der Kinderstadt und hat schon fast überall gearbeitet. „Am meisten mag ich an den Ferienspielen, dass ich den ganzen Tag spielen kann und wie meine Mama arbeiten gehe“, erzählt die Neunjährige. Sie hat schon in der Spedition, der Müllabfuhr, der Saftbar und der Bäckerei gearbeitet. Aber am besten gefällt es ihr in der Kreativwerkstatt. Dort bastelt sie unter Anleitung der jeweiligen Betreuer Muschelarmbänder, indianische „Traumfänger“-Ringe oder Handtaschen, die später von Kindern und Betreuern gekauft werden.

Rund 50 Betreuer stehen den Kindern von vier bis 14 Jahren in den Sommerferien zur Seite. Die Kleinen sind unabhängig von Geschlecht, religiöser, nationaler und kultureller Zugehörigkeit der Familien oder individueller Beeinträchtigung willkommen. Kinder mit Behinderungen bekommen Unterstützung durch einen integrativen Betreuer. Dadurch können sie sich, gemessen an ihren eigenen Fähigkeiten und Interessen, aktiv in die Spielstadt einbringen.

Spaß am Spiel steht im Vordergrund

„Die Kinder sind aus allen Schichten und Nationen“, sagt Melanie Schneider (30), „hier bekommen sie die Möglichkeit, ihre Freizeit aktiv zu gestalten und ein Gemeinschaftsbewusstsein aufzubauen.“ Die pädagogische Leiterin von Kaleidoskop ist seit 13 Jahren Betreuerin bei den Ferienspielen. Sie und ihre Mitarbeiter geben den Kindern die nötigen Freiräume, die es ihnen ermöglichen, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen.

Im Zentrum des Ganzen steht jedoch stets der Spaß am Spiel – und zwar nicht nur für den Nachwuchs. Viele Betreuer sind von dem Ferienspielvirus infiziert. Sandra Otterbein ist zum dritten Mal als Betreuerin dabei. „Es macht einfach Spaß mit den Kindern“, sagt die 20-Jährige, die zum ersten Mal in der Kinderstadt aushilft. „Es ist ein tolles Konzept. Hier können Kinder kreativ sein und spielerisch ein Gemeinschaftsbewusstsein entwickeln.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare