Fernab einer Uniformierung

Offenbach - (mk)   Keine nackten Bäuche oder tiefer gelegte Jeans. Schulen verpassen Kindern immer öfter einen einheitlichen Dress-Code. In Offenbach unternahm die Ernst-Reuter-Schule im vergangenen Jahr eine Vorstoß für einheitliche Schulkleidung.

Nach gut sechs Monaten ist es Zeit, ein kurzes Fazit zu ziehen. Maßgeblich hat die stellvertretende Schulleiterin Christa Ludwig-Männche das Projekt mit Eltern vorangetrieben. Sie selbst mutmaßte während der Präsentation im Sommer: „Ab jetzt sind alle Blicke auf uns gerichtet - auch die kritischen.“

Am Anfang war in der Schulgemeinde Euphorie zu spüren. Hat sich das gelegt?

Männche: Nein. Viele Eltern haben zu Beginn T-Shirts gekauft. Sweat-Shirts werden nicht in diesem Umfang nachgefragt. Das lag auch an den Verkaufsmodalitäten. Wir haben jetzt einen Schulshop eingerichtet, in dem zu festgesetzten Zeiten eingekauft werden kann. Wenn Eltern zu anderen Zeiten kommen, sind wir, wenn es zeitlich möglich ist, behilflich.

Es herrscht also weiter rege Nachfrage. Der Verkaufsrenner?

Der Verkaufsrenner sind blaue Sweat-Shirtjacken mit Kapuzen.

Unlängst war zu hören: „Ich sehe ja gar keine Schüler mehr mit den blauen T-Shirts...“ Bleiben die ERS-Shirts doch eher im Schrank liegen?

Es liegt tatsächlich daran, dass die Shirts im Winter unter dicken Jacken verschwinden. Langfristig werden wir auch auf Jackenebene eine Lösung suchen. Je nach Klasse herrscht aber zu bestimmten Zeiten in der Klasse ein einheitliches blau-weißes Bild - etwa bei Ausflügen.

Manche Kritiker reden nicht von Schulkleidung, sondern von Schuluniform. Die wecken in Deutschland bekanntlich schlechte Erinnerungen. Die Hitler-Jugend erschien auch uniformiert in der Schule...

Ich denke der Vergleich hinkt. Nur wenige Kinder und Eltern denken so. Unsere Schüler oder Lehrer tragen einheitliche Jacken und Shirts. Selbst in Klassen, in denen die Schulkleidung gut angenommen wird, hat man nicht den Eindruck einer Uniformierung. Das Bild ist nur einheitlicher, ruhiger.

Also doch ein Trend gegen den Marken-Wahn. Aber verlagert es das Ganze nicht nur auf andere Produkte wie Handys?

Die Statussymbole wie Handy oder MP3-Player gibt es natürlich. Sie sind aber nicht so offensichtlich wie die Kleidung. Ich denke, wir sollten mit einer Veränderung jetzt beginnen und nicht daraus den Schluss ziehen, in Anbetracht der Weitläufigkeit dieses Problems lieber gar nichts zu unternehmen.

Ein einheitlicher Pulli löst nicht alle Probleme – etwa die Integration schwacher oder auffälliger Schüler. Macht es ein einheitlicher Dress auch in solchen Dingen einfacher?

Ein einheitlicher Dress ist ein Anfang. Dass wir uns in der bundesrepublikanischen Gesellschaft von Äußerlichkeiten leiten lassen, wenn wir Menschen einschätzen, ist eine Tatsache, die auch im Unterricht immer wieder thematisiert werden muss, wenn dieses Projekt langfristig ein Erfolg werden soll. Hier sind wir natürlich auf die Mithilfe der Kollegen angewiesen. Auffallend finde ich, dass viele ausländische Familien und Familien aus einkommensschwächeren Schichten das Projekt unterstützen.

Die Schulleitung legt ja Wert auf den freiwilligen Charakter. Wie viel machen denn mit?

Die Prozentzahl der Kinder, die Schulkleidung tragen, ist unterschiedlich, je nachdem wie sehr die Klassenlehrer und natürlich auch die Eltern der Klasse hinter dieser Idee stehen. In einigen Klassen der Grundschule und den Ganztagsklassen kann man einen Eindruck davon bekommen, wie es in den nächsten Jahren in der ganzen Schule aussehen könnte. Dieses Projekt muss wachsen, auch in unseren Köpfen. Eine einheitliche Schulkleidung hat bei uns, anders als in anderen europäischen Ländern, bekanntlich keine Tradition.

Tragen Sie auch ein ERS-Polohemd?

Ich habe verschiedene Teile der Schulkleidung und trage sie bei passenden Gelegenheiten vor allem in den wärmeren Jahreszeiten. Meine Kollegen halten es genauso.

Die abschließende Bewertung: Erfolg oder Misserfolg?

Wir sind mit der Entwicklung zufrieden, es wäre schön wenn es so weitergehen würde. Gut’ Ding braucht Weil!

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