Aus der Ferne in die Bildungsferne?

Offenbach - Wie steht es um die Integration in Offenbach? / Frustrierte Jugendliche als leichte Beute für Traditionalisten / Zeitung will hinter Kulissen blicken

                 Von Marcus Reinsch

Offenbach Migrationshintergrund, Sprachbarriere, Bildungsferne, Mentalitätshürde, Parallelgesellschaft? Alles schonmal irgendwann irgendwo gelesen oder gehört, alles auch schnell wieder vergessen - bis zur nächsten Vorstellung eines Sprachförderprojektes, der nächsten Sonntagsrede, dem nächsten Wahlkampf. Der Diskussion um die Integration von Ausländern, der ernsthaften ebenso wie der politisch inszenierten, hat es noch nie an Schlagworten gemangelt.

Die gerade vom Berlin-Institut unter dem Titel „Ungenutzte Potenziale“ veröffentlichte Analyse „Zur Lage der Integration in Deutschland“ macht Hoffnung auf eine dauerhaftere Debatte. So detailliert und konzentriert waren Zustandsbeschreibungen und Daten bisher nicht zu haben. Die Studie liefert manchen Antwortentwurf - und wirft eine Frage auf, die unsere Zeitung gestern einer Offenbacherin gestellt hat, für die das Thema Integration tatsächlich ein alltägliches ist: Barbara Leissing, Sozialarbeiterin im Jugendzentrum Falkenheim in der Neusalzer Straße. Also: Warum sind die Türken, wie die Studie mit Blick auf die ganze Republik behauptet, die mit Abstand am schlechtesten integrierte Bevölkerungsgruppe? Und sind sie es in Offenbach überhaupt?

Sind sie nicht. Zumindest nicht in Leissings direktem Blickfeld. „In unserer Jugendarbeit sehe ich die Türken als mehr integriert als etwa die Kinder der Spätaussiedler. Die kommen in unserer Arbeit kaum vor, und ich erlebe diese Gruppe als sehr isoliert. Das ist ein ernstes Problem oder kann es noch werden. Die jungen Türken sind oft hier geboren. Das ist bei den jungen Russen ganz oft nicht so. Die sind meist als geschlossene Gruppe unterwegs, und da ist oft viel Alkohol im Spiel.“

Die Situation in der gesamten Stadt zu beleuchten, erfordere aber natürlich mehr als ein einzelnes Schlaglicht. Leissing: „Ich glaube, dass man in den verschiedenen Stadtteilen sehr verschiedene Bilder bekommt.“ In Rumpenheim, Bürgel, also an der Peripherie, gebe es durchaus viele Migrantenfamilien, die voll integriert seien. „Die haben die Bildung, die haben ein gutes Einkommen. Aber in der östlichen Innenstadt oder in der Austraße, da wird es eine Generation länger dauern oder zwei, bis es soweit ist.“

Es komme eben tatsächlich auf den Zugang zu Bildung an, darauf, „ob es das Schulsystem schafft, die Jugendlichen auf die Schiene zu setzen.“ Das sei umso schwieriger, je bildungsferner die Eltern seien. Da spiele dann auch die soziale Situation eine wichtige Rolle, also „ob die Eltern genug Geld verdienen oder ob sie am unteren Rand rumkrebsen.“

Im Jugendzentrum erlebt Leissing, „dass die Migranten fast keine Chance haben, eine Lehrstelle zu bekommen. Dafür gebe es einige Gründe. Die „Anpassungsleistung“, die die Gesellschaft von Migranten fordere, sei einfach nicht zu leisten. „Sie sollen sich auf eine bestimmte Art verhalten, auf eine bestimmte Art kleiden, auf eine bestimmte Art essen. Von ihnen wird eigentlich verlangt, dass sie Deutsche werden. Aber es werden keine Deutschen werden.“

Und natürlich spiele die Sprache eine entscheidende Rolle, was Leissing nicht als Forderung verstanden wissen will, schon den in Deutschland geborenen Babys ausländischer Eltern die deutsche Sprache einzupauken. Ganz im Gegenteil: „Man muss in der Familie die Muttersprache lernen und sprechen. Die Muttersprache ist die Sprache der Emotionen. Sonst können die Kinder am Ende überhaupt keine Sprache richtig. Aber sobald das Lernen beginnt, spätestens vor der Einschulung, muss das Deutsch ausreichend sein.“

Ein Problem, das in der öffentlichen Debatte bisher kaum eine Rolle gespielt hat, macht der Sozialarbeiterin zusätzliche Sorgen: Für in Deutschland aktive Traditionalisten und rechte Organisationen aus den Ursprungsländern der Migranten seien „frustrierte Jugendliche, die isoliert sind oder sich so fühlen“, leichte Beute. Diese Gruppen verstärkten die Isolation noch. „Ich glaube, dass die Gefahr immer dann groß ist, wenn Migranten-Männer keine Chance kriegen“.

Und wenn die „Rollläden unten sind, von beiden Seiten“, sei es nicht mehr weit bis zu einer Parallelgesellschaft. Auch wenn der Begriff Parallelgesellschaft wiederum von zwei Seiten bewertet gehöre. „Menschen suchen sich Menschen, denen sie vertrauen. Wir Deutsche machen das im Ausland ja auch, tun uns mit denen zusammen, die unsere Sprache sprechen.“

Integration? Ist absolut möglich, sagt Barbara Leissing. Dafür müsse die Gesellschaft nur aufhören, sich in „Wir“ und „Die“ zu teilen.

Unsere Zeitung wird versuchen, in den nächsten Wochen mit Einzelbeiträgen hinter die Kulissen der Integration in Offenbach zu blicken. Zum Zeitvertreib: Auf www.berlin-institut.org gibt es die aktuelle Studie „Ungenutzte Potenziale“.

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