Altbauten und Aldi-Kirche

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Und hoch das Bein: Auch tänzerische Vorführungen bereicherten das bunte Programm beim Fest der östlichen Innenstadt auf dem Mathildenplatz.

Offenbach - Er wird von Einzelnen angesprochen, wenn es um notorische Falschparker und Leute geht, die ihren Müll einfach in den Hof kippen. So beschreibt Sozialpädagoge Marcus Schenk eine Facette seines beruflichen Alltags. Er hat Probleme, die abstrus anmuten. Von Stefan Mangold

Schenk erzählt von ganzen Großfamilien, die ein pathologisch wirkendes dissoziales Verhalten an den Tag legen, „gebrauchte Windeln in den Hof werfen, und ständig kommt lautstarker Besuch vorbei“. Ein Szenario, das irgendwann in die Zwangsräumung mündet. Ansonsten sei das Mathildenviertel kein sozialer Brennpunkt. „Es herrscht keine Gewalt“, betont Quartiersmanager Schenk am Rand des Mathildenplatzfestes.

Auch Liliana Zikelic ärgert es, „wenn über Offenbach immer schlecht geschrieben wird“. Sie ist vor 20 Jahren von Hannover aus beruflichen Gründen hergezogen. Der Dialekt wirkte auf sie anfangs wie ein Kulturschock. Ein großer Pluspunkt sei die Lage. Mit dem Fahrrad Richtung Aschaffenburg fahre sie am Main durch schönste Natur. Ihr Fazit: „Ich lebe sehr gern in der Stadt.“

Erlös an die Diakoniekirche

Wie Maler Horst Kolbinger, dessen Atelier im Viertel liegt. Er stellt eine große, weiße Leinwand auf, auf der sich Kinder mit Farbe und Pinsel austoben können. Am Ende soll das Bild versteigert werden, der Erlös an die Diakoniekirche gehen. Erstmal läuft es nicht schlecht. „Malt lieber mehr“, rät Kolbinger. Denn manchen kommt es darauf an, ihren Namen zu verewigen. Am Ende greifen jedoch männliche Jugendliche zum Pinsel, die farblich zu destruktiv walten, „um das Ergebnis noch versteigern zu können“, wie Schenk bedauert. Ansonsten tritt der Chor der Mathildenschule in St. Marien auf, bengalische Mädchen tanzen in Landestracht.

Wo Kolbinger in seinem „Atelier im Hinterhof“ Kurse gibt, an der Austraße 16, wohnt der Stadtführer Loimi Brautmann, der Interessenten als Teil des Festes das Mathildenviertel zeigt. Unter seiner Adresse firmiert auch der Kunstverein. Über das Image der Straße verrät ein Anruf Brautmanns bei der ESO einiges. Dort fragte er nach einem Sperrmülltermin, was die Frau am anderen Ende des Leitung mit den Worten „Austraße gleich Saustraße“ kommentierte.

Eigentlich ist die Straße eine der schönsten Offenbachs, findet Brautmann. Die Altbauten haben den Krieg überdauert. „Im Viertel kann man auf engem Raum die gleiche Qualität einkaufen wie in der Frankfurter Kleinmarkthalle, aber zu Preisen wie in Offenbach“, erklärt er vor einer italienischen Metzgerei an der Kreuzung Bleich- und Karlstraße.

„Das Gebäude reichte bis zur Mainstraße“

An der Hermann-Steinhäuser-Straße erinnert sich ein Zuhörer an die Gerberei Mayer. „Das Gebäude reichte bis zur Mainstraße“, weiß Reinhard Deschner (72), der vom Hundekot berichtet, der zum Gerben verwendet worden sei. Übel gerochen habe es dennoch erstaunlich wenig. Heute stehen da Hochhäuser, die das Gesicht einer Stadt zwangsläufig verunstalten.

Um Architektur geht es auch auf dem Parkplatz des Pennymarkts an der Mühlheimer Straße. Der holzverkleidete Klinkerbau dürfte einmalig unter den Discountern in Deutschland sein. Gegenüber steht die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, ein Gotteshaus der Mormonen. Brautmann zitiert einen Professor der Hochschule für Gestaltung mit einem architektonischen Vergleich, der sich aufdrängt: „Die erste Kirche, die aussieht wie eine Aldi-Filiale!“

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