Fette Beats aus dem Schacht

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Jenseits der Club-Szene: das Angebot einer alternativen Möglichkeit zum Feiern hat sich herumgesprochen.

Es ist dunkel und still in der Autobahnunterführung nahe der Hanauer Landstraße. Zwei Meter weiter oben rasen die Kraftfahrzeuge über den Köpfen der vereinzelten Passanten hinweg, die den mit Graffitis bemalten Tunnel durchqueren. Von Niels Britsch

Je tiefer die Nacht hereinbricht, desto weniger Fußgänger und Radfahrer verirren sich an diesen trostlosen Ort unter der Autobahn zwischen Offenbach und Frankfurt. Plötzlich kommt ein Sprinter angefahren, ein paar junge Männer steigen aus, sie laden Getränkekästen, Musikboxen und einen Generator aus, in Windeseile bauen sie einen Stand mit DJ-Pult auf, junge Burschen schleppen Taschen voller Vinylplatten an, kurze Zeit später schallen die Klänge von Elektromusik durch den Tunnel: Die Unterführung hat sich innerhalb von 30 Minuten in eine Partyzone verwandelt. Wie aus dem Nichts tauchen auch die Gäste auf, knapp zwei Stunden später drängeln sich ungefähr 800 junge Menschen in dem Tunnel und auf den Wegen drumherum.

„Harzwerk“ nennen sich die Organisatoren der nicht genehmigten Party unter der Autobahn, vor mehreren Jahren hatten sie die Idee beim Fußballspielen im Ostpark. „Wir waren genervt von Kommerzclubs wie Robert Johnson und Cocoon, wer dort hinein wollte, war auf den guten Willen der Türsteher angewiesen, auf diese Politik hatten wir keine Lust mehr“, erzählt Mitinitiator Thomas. „Wir wollen Partys außerhalb der kommerziellen Clubszene, für die man keinen Eintritt zahlt und auf der alles erlaubt ist.“

Unter der Brücke feiert die Alternative zur kommerziellen Partyszene

Es sind Studenten, Fotografen, Tontechniker, Juristen, Pädagogen, Künstler oder Geschäftsleute, doch allesamt haben sie den Wunsch nach einem Alternativ-Angebot zum Feiern. Also organisieren sie in unregelmäßigen Abständen an verschiedenen Orten Partys wie den „Tunnelbash“ oder den „Silvesterbash“. In der Szene haben sie sich inzwischen einen Namen gemacht, doch ihrem Konzept sind sie treu geblieben: Kein Eintrittspreis, keine Securitys und Getränke zum Selbstkostenpreis. Und obwohl inzwischen ein regelrechter Ansturm auf die Bashpartys herrscht, gibt es nie größere Probleme – sogar die Polizei duldet die Massenansammlung feierwütiger Leute bisher immer.

Auch bei der Tunnelparty in der Nähe des Kaiserlei ist wieder die Staatsmacht da. Erst als ein paar halbstarke Jugendliche auf der Zufahrt zur Autobahn ihre neuesten Nahkampftechniken untereinander ausprobieren, fordern die Beamten die Veranstalter auf, das gefährliche Treiben zu unterbinden. Ein Harzwerker scheucht das ausgerissene Partyvolk in den Tunnel, es wird eine kurze Durchsage gemacht und weiter geht es mit den elektronischen Klängen.

Selbst ist der DJ: Improvisation und Spontanität sind die Wurzeln der derzeit angesagten „Bashpartys“.

Auch in der Morgendämmerung wird eifrig gefeiert, zahlreiche Körper zucken zu den Rhythmen und die ersten Frühaufsteher kommen durch die Unterführung auf dem Weg zur Arbeit. Verwundert und teils verunsichert bahnen sie sich einen Weg durch die Feiernden.
„Grundsätzlich sollten solche Partys nicht genehmigungspflichtig sein, so etwas ist allgemeines Kulturgut“, sagt Thomas. „Eigentlich ist das hier ein trostloser Ort, und dann kommen hunderte Menschen und feiern ab. Bei uns machen die Leute die Party, nicht die Veranstalter. Wir stellen nur die Musik und die Getränke zur Verfügung, der Rest ist Sache der Gäste“, ergänzt Kollege Kareem. „Harzwerk bedeutet improvisieren und selbermachen.“

Zurück zum Ursprung des Auflegens

Gemäß diesem Motto haben sie inzwischen auch ein eigenes Label namens „Platte“ gegründet: „Immer mehr Menschen ziehen sich die Musik aus dem Netz und legen mit MP 3‘s auf, wir wollen zurück zum eigentlichen Ursprung des Auflegens und die Vinylplatte wieder hochleben lassen.“

Im Laufe des Morgens leert sich der Tunnel langsam, irgendwann tauchen wieder ein paar Polizisten auf und erklären das gesellschaftliche Ereignis für beendet. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Tropfen Alkohol mehr und einige übriggebliebene Gäste räumen bereits gemeinsam mit den Veranstaltern auf, der Boden in der Unterführung wird schnell noch gefegt, das Zubehör zurück in den Sprinter geladen. Am frühen Vormittag ist der ganze Spuk vorbei, still und verlassen liegt der Tunnel wieder trostlos da – wer ihn passiert, käme nicht auf die Idee, dass hier vor wenigen Stunden noch eine exzessive Party tobte.

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