Fettsucht führte auf die schiefe Bahn

Paar wegen Bestellbetrugs vom Offenbacher Amtsgericht zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt 

Akten liegen vor Beginn eines Prozesses am Platz des Vorsitzenden Richters.
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Ein Paar aus Offenbach hatte für knapp 10 000 Euro Waren im Internet bestellt, ohne zu bezahlen. Dafür gab es jetzt zwei Jahre auf Bewährung.

Weil es für knapp 10 000 Euro Waren im Internet bestellt hatte, ohne zu bezahlen, verurteilte das Schöffengericht ein Paar trotz einschlägiger Vorstrafen nur zu zwei Jahren auf Bewährung.

Offenbach - Von September 2017 bis April 2018 orderten die Angeklagten N. und B. für 4300 Euro bei einer Supermarktkette Nahrungsmittel im Internet. Bei Textilhändlern bestellten sie vor allem Kinderkleidung im Wert von gut 5000 Euro. Die kamen der Tochter der Angeklagten zu Gute. Die ersten Male gab das Paar die eigene Straße und Hausnummer als Lieferadresse an, später andere Anschriften. Richter Manfred Beck erspart Staatsanwältin Lydia Wurzel, die 118 Anklagepunkte samt jeder Colaflasche, allen Chicken-Wings und Kinderjacken vorzulesen. Die Angeklagte N. konstatiert, „das war vollkommener Quatsch“. Die 28-jährige erzählt, damals hätten sie und ihr Lebensgefährte von Hartz IV gelebt, und „wir litten an Adipositas“. Das überrascht beim Anblick der schlanken Frau, die von einer Magenoperation berichtet, die dazu führte, dass sie 54 Kilo abnahm. Ihr Freund, der 27-jährige B., erwähnt frühere 200 Kilogramm, derzeit sei er bei 130. Er sagt aus, man habe seinerzeit das eigene Handeln nicht mehr reflektiert., „Wir lebten von einer zur nächsten Bestellung.“ Seine Lebensgefährtin spricht von fehlender Tagesstruktur und Lethargie. Glücksgefühle habe man nur empfunden, wenn eine Lieferung eintraf.

Bei B. stehen fünf Urteile im Bundeszentralregister, bei N. drei, allesamt wegen des gleichen Betrugsdelikts, für das sie nun vor Gericht stehen. Seit einer Wohnungsdurchsuchung im April 2018 fiel das Paar nicht mehr auf. „Wir wussten, wir müssen unser Leben umkrempeln“, resümiert die Mutter das Erlebnis. Beide Angeklagte gehen mittlerweile einer geregelten Arbeit nach.

Staatsanwältin Wurzel gesteht ein: „Nach Studium der Akten habe ich mir andere Angeklagte vorgestellt. Ich sehe hier keine Personen, die ins Gefängnis gehören.“ Sie habe das Gefühl, die beiden hätten ihr Leben nun auf die Reihe bekommen. Wurzel fordert jeweils zwei Jahre Haft auf Bewährung, den Werteinzug der Schadenssumme von 9726,87 Euro und das Ableisten von Arbeitsstunden, deren Anzahl das Gericht festlegen müsse.

Anwalt Hagen Becker, der N. vertritt, erinnert sich an den Zustand das Paares vor drei Jahren: „Total isoliert, sie konnten sich kaum noch bewegen, ich hielt sie für suizidgefährdet.“ Becker plädiert auf eine Bewährungshaftstrafe im Ermessen des Gerichts. Gernot Becker, der B. vertritt, spricht von „einem letzten Warnschuss.“ Der Verteidiger folgt seinem Anwaltskollegen und Bruder: „Ich sehe eine gute Sozialprognose.“

Auch Richter Manfred Beck betont: „Ich war positiv von Ihrem Auftreten überrascht.“ Das Gericht verhängt zwei Jahre Gefängnis auf drei Jahre von einem Helfer begleiteter Bewährung; 60 Stunden gemeinnützige Arbeit und der Einzug von 9726,87 Euro Wertersatz kommen hinzu. Richter Manfred Beck gibt den Beiden mit auf den Weg: „Bestellen Sie nichts mehr, egal, wie einfach das funktioniert.“

Von Stefan Mangold

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