Immer mehr Feuerbestattungen

Kein Recht auf die Nische

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Eine verwinkelte Anlage bilden die Urnenmauern auf dem Friedhof Bieber. Auch hier gilt: komplett belegt.

Offenbach - Opa Friedhelm hatte eine klare Vorstellung von seiner letzten Ruhe: Eine schöne pflegeleichte Nische in einer Urnenwand sollte es sein; man will den Hinterbliebenen ja nicht so viel Arbeit machen. Von Thomas Kirstein 

Als es so weit ist, stehen seine Elfriede und die Kinder aber bedröppelt in der Friedhofsverwaltung: Leider alles besetzt! Um Aufgeregtheiten wegen einer vermeintlich verweigerten freien Grabwahl vorzubeugen, hat die Stadt Offenbach nun ihre Friedhofssatzung geändert: „Auf den Städtischen Friedhöfen der Stadt Offenbach am Main werden Sondergrabstätten nur bei Verfügbarkeit bereitgestellt“, heißt es dort nun. Begründung: Mit dieser Änderung der Friedhofsordnung solle klargestellt werden, dass es keinen Rechtsanspruch auf spezielle Grabstellen gibt. Wo jemand unter die Erde kommt, bleibt in Offenbach freilich freigestellt. Der Bieberer, so er möchte, darf sich auch in Rumpenheim bestatten lassen. Ausnahme ist das Kulturdenkmal Alter Friedhof, wo nur noch bestehende Familiengräber wiederbelegt werden.

Hintergrund der aktuellen Satzungsänderung ist die Komplettbelegung aller Offenbacher „Columbarien“ (nach dem lateinischen Wort für Taubenschlag). Die 3000 auf den drei Stadtteilfriedhöfen und auf dem Neuen Friedhof zur Verfügung stehenden Kammern sind gebucht, wie Oliver Gaksch, Sprecher des zuständigen Stadtdienstleisters ESO mitteilt. Das gilt für jeweils 30 Jahre mit der Option auf Verlängerung bei Zweitbelegung – dann, wenn beispielsweise die Witwe ihre Asche neben der ihres Gatten wissen möchte oder der Freund zur Freundin will.

Dem klassischen Sarg längst den Rang abgelaufen

Feuerbestattung ist laut Gaksch nicht nur im Trend, sondern hat in Offenbach dem klassischen Sarg längst den Rang abgelaufen. In 80 Prozent der Todesfälle führt heutzutage der letzte Weg erstmal ins Krematorium an der Mühlheimer Straße. Neue Urnenwände für ungefähr 40. 000 Euro das Stück zu bauen, hat der ESO derzeit nicht vor. Man setzt auf andere Bestattungsformen für Aschebehälter, genügend Platz dafür ist auf den teils erweiterten Friedhöfen vorhanden. Oma Elfriede und die Kinder müssen sich also für eine der von der Friedhofsverwaltung sofort angebotenen Alternativen entscheiden. Den Opa Friedhelm in seiner Urne mal für einige Zeit auf dem Kamin zwischenzuparken, lässt das deutsche Bestattungsrecht nicht zu, folglich gibt es keine Urnenwand-Warteliste, die nach Eingang abgearbeitet würde.

Die hinterbliebene Familie hört sich an, was es sonst noch außer der Urnennische im Columbarium (30 Jahre, 1050 Euro, auch für zwei) gibt, wenn die Erdbestattung im Einzel- oder Familiengrab nicht gewünscht ist: So gibt es das Dauer-Urnengrab (30 Jahre, 1050 Euro), das anonyme Urnengrab (25 Jahre, 590 Euro), das anonyme Urnensammelgrab (20 Jahre, 150 Euro), das doppelt zu belegende Urnendauergrab im Rasen (30 Jahre, 1140 Euro), die Bestattung der einzelnen Urne unter einem Baum (25 Jahre, 660 Euro) oder der Gemeinschaftsurnenbaum (30 Jahre, 1590 Euro).

Bestattung auf Britisch

Bestattung auf Britisch

Zwar hat Opa Friedhelm immer betont, seine Lieben möchten sich wegen ihm doch keine großen finanziellen Umstände machen, aber eine Billiglösung soll’s dann doch wirklich nicht sein. Der Rat seiner Erben tagt und entscheidend sich für das posthume und vorfinanzierte Gemeinschaftsgefühl schlechthin: Ein Familienurnenbaum, noch nicht sehr lange im ESO-Angebot, soll’s sein. Der kostet zwar 4800 Euro, stellt aber eine Investition für Generationen dar. Sechs Urnen sind möglich; das Nutzungsrecht umfasst 30 Jahre, kann anschließend aber für eine Gebühr von 160 Euro im Jahr verlängert werden. So wendet sich die nicht mögliche Erfüllung des letzten Wunsches von Opa Friedhelm doch ins Gute: Jetzt haben vielleicht sogar seine Enkel was davon.

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