„Eine Lage, die wir so nicht kennen“

Feuerwehrchef Uwe Sauer über Hochwasser und Katastrophenschutz in Offenbach

Auch dank des Maindamms, der nun erneuert und erhöht werden soll, geht Uwe Sauer davon aus, dass Szenarien wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in Offenbach nahezu unmöglich sind.
+
Auch dank des Maindamms, der nun erneuert und erhöht werden soll, geht Uwe Sauer davon aus, dass Szenarien wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in Offenbach nahezu unmöglich sind.

Offenbach – Seit Jahren arbeitet Uwe Sauer, Leiter der Offenbacher Berufsfeuerwehr, als hessischer Vertreter im Fachausschuss Zivil- und Katastrophenschutz der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland. Er weiß, worauf es in einem Katastrophenfall wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ankommt. Im Interview spricht er über die örtliche Lage und darüber, wie Offenbach für solche Situationen aufgestellt ist.

Herr Sauer, was sagen Sie als Experte zu der Situation in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz?

Wenn Sie mich Montag letzte Woche danach gefragt hätten, hätte ich so ein Szenario nicht gemalt. Wenn ich die Bilder sehe, daran denke, was da gerade passiert, dann bekomme ich Gänsehaut. Es ist einfach unvorstellbar.

Uwe Sauer, Leiter der Berufsfeuerwehr, sieht Offenbach für den Katastrophenfall gut gewappnet.

Wie bewerten Sie den Umgang mit der Flutkatastrophe vor Ort?

Meine Wahrnehmung ist, dass dort jeder bis zum Umfallen arbeitet und alles Menschenmögliche tut. Das ist eine Lage, wie wir sie so noch nicht kennen, mit Herausforderungen, die wir so noch nicht hatten: Ortschaften, die von der Außenwelt abgeschnitten sind, kein Wasser, kein Strom, kein Funk. Da muss man sich erst einmal sortieren und fragen: Womit fange ich jetzt an? Das alles zusammenbringen, zu organisieren, sich überhaupt einen Lageüberblick zu verschaffen, ist eine Herkulesaufgaben. Da tut jeder sein Bestes.

Auch Ihre Leute waren ja in Nordrhein-Westfalen im Einsatz.

Unsere Leute sind zusammen mit etwa 650 hessischen Einsatzkräften am Donnerstag gefahren und sollten eine Woche bleiben. Sie wurden allerdings am Sonntag schon wieder zurückgeschickt. Warum, wissen wir auch nicht genau. Die Offenbacher Kräfte haben gemeinsam mit denen aus dem Hochtaunuskreis die Führung des hessischen Kontingents übernommen. Da kam jetzt also niemand mit schlammverschmierten Schuhen zurück. Aber natürlich haben sie sich dennoch ein Bild von der Lage gemacht, das hilft immer bei der Einsatzleitung. Und aus Erftstadt etwa haben meine Leute auch berichtet, dass es einfach krass ist, diese Schneise der unvorstellbaren Verwüstung.

Wäre denn ein so verheerendes Ereignis auch in Offenbach denkbar?

Anders als in den nun betroffenen Gebieten haben wir in Offenbach keine Steilwände und Hanglagen. Außerdem können sowohl Hainbach als auch Bieber sich an vielen Stellen im Ernstfall in die Fläche ausdehnen. Klar kann es bei Starkregen dann zu Hochwasser, Überschwemmungen und vollgelaufenen Kellern kommen, das kennen wir ja schon. Und natürlich kann es sein, dass so etwas im Zuge des Klimawandels künftig häufiger und auch schneller passiert. Aber ich wüsste nicht, wo das Wasser die Energie hernehmen sollte, sodass etwa die Bieber als reißender Strom halb Bieber wegreißen könnte.

Und wie sieht es mit dem Main aus?

Wir haben in Offenbach Gott sei Dank unseren Deich. Es wird ja schon lange gefordert, den zu erhöhen, damit er auch einem Hochwasser standhält, wie es statistisch bislang alle 200 Jahre einmal vorkommt. Diese Maßnahme ist nun angeschoben. Und ab der Carl-Ulrich-Brücke, wo der Damm endet, ist die Kaimauer so hoch, dass sie einem solchen Pegelstand standhält. Zudem haben wir auf der anderen Mainseite das Mainvorgelände und die Felder von Fechenheim, wo sich das Wasser ausbreiten kann. Ebenso am Mainbogen in Rumpenheim. Deshalb ist es auch wichtig, dass das Gelände dort unbebaut bleibt. Solange das alles so ist, haben wir eigentlich Ruhe.

Was wäre nach Ihrer Einschätzung das schlimmste Szenario?

Kritisch wäre es für Offenbach, wenn wir Wasserstände hätten, die deutlich höher sind, als dieses 200-jährige Hochwasser. Ein Stück weit haben wir dann noch die Möglichkeit, mit der Deichverteidigung die Krone zu erhöhen, aber das ist endlich. Wenn der Deich brechen würde – was ich für sehr unwahrscheinlich halte –, das wäre dramatisch, das ist klar.

Ist Offenbach denn für einen solchen Katastrophenfall gut gewappnet?

Der Katastrophenschutz obliegt ja den Ländern, und Hessen ist da im Allgemeinen sehr gut aufgestellt. Anders als in anderen Ländern hat man für alle Landkreise und kreisfreien Städte ein gleiches Kontingent an Einheiten aufgestellt, auch in Offenbach. Es gibt darüber hinaus Spezialgerätschaften, die man zwar nicht für alle einzeln angeschafft hat, die aber so verteilt sind, dass sie für alle verfügbar sind.

Sollte vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse diesbezüglich dennoch aufgerüstet werden?

Ich würde es für angemessen halten, wenn wir die Situation auch für Hessen noch einmal kritisch betrachten. Man darf aber jetzt keinen Schnellschuss unternehmen. Wir sollten abwarten, was die Kollegen im Nachgang aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfahlen berichten, und dann alles anschauen. Das betrifft auch die bundesweite Organisation des Katastrophenschutzes und die Frage danach, wie die Bevölkerung im Ernstfall gewarnt und informiert wird. Für Offenbach kann ich berichten, dass wir inzwischen die Planungen aufgenommen haben, um im Stadtgebiet wieder ein Sirenennetz zu installieren. Gemeinsam mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit warnen und informieren wir bei Gefahrenlagen über die Hessenwarn-App, auf www.offenbach.de und #notfallof auf Twitter.

Das Interview führte Lena Jochum.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare