Therapiestunden mit Labrador-Hündin

Für Finni tun Patienten alles

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Wenn Hündin Finni dabei ist, hat Moritz Spaß an der Therapie bei Logopädin Saskia Mack.

Offenbach - Sprechen können Hunde nicht. Aber sie können Menschen beim Sprechen helfen. So wie Finni. Die Labrador-Hündin unterstützt ihr Frauchen, die Offenbacher Logopädin Saskia Mack, bei der Therapie. Denn sie ermöglicht einen anderen Zugang zu Patienten. Von Veronika Schade

Moritz strahlt. „Der liebt mich!“, ruft er und streichelt den cremefarbenen Labrador, der ihm gerade über die Wange leckt. Wenn Finni in seiner Nähe ist, lebt der zehnjährige Junge auf. Redet mehr als sonst. Will alles richtig machen. Schließlich soll Finni möglichst viele Leckerlis bekommen. Wenn er korrekt zuordnet, ob der Ball auf der Zeichnung sich vor, unter, auf, in oder neben der Kiste befindet, darf er auf dem Spielfeld vorrücken – und Leckerchen sammeln.

Was spielerisch aussieht, ist für Finni anspruchsvolle Arbeit. Als Therapiebegleithund assistiert sie ihrem Frauchen, der Offenbacher Logopädin Saskia Mack. Seit vier Monaten auch bei Moritz, der unter einer Entwicklungsverzögerung leidet und sich mit Sprechen schwer tut. Vor allem mit Präpositionen, die Schwerpunkt der heutigen Stunde sind. Mack hat ein Spiel vorbereitet, in das die Hündin unmittelbar eingebunden ist. Sie wirft einen großen Schaumstoffwürfel, an dessen Kanten Bilder sind, anhand derer Moritz die Verhältniswörter zuordnen soll. Auch Leckereien können unter, auf, hinter und neben Finni platziert werden.

Hund als Transmitter

„Für den Hund machen die Patienten alles“, sagt die Logopädin lächelnd. „Mit Finnis Hilfe komme ich viel leichter an sie ran.“ Denn was jeder Hundebesitzer aus dem Alltag kennt, klappt auch in der Therapie. Der Hund macht Menschen neugierig, öffnet sie, regt sie zur Kommunikation an – ist somit Transmitter zwischen Therapeutin und Patient. Das funktioniert bei Kindern mit geistiger Behinderung genauso wie bei Bettlägerigen nach Schlaganfall oder Demenzkranken.

„Ein Hund ist wertfrei, egal ob der Patient im Rollstuhl sitzt, sabbert, nicht sprechen kann: Er nimmt jeden, wie er ist“, sagt Mack. Die Menschen fühlen sich akzeptiert und werden mutiger. „Gerade im Pflegeheim ist es schön, etwas zu umsorgen.“

Die Therapie ergibt sich da wie von selbst. „Man kann den Hund überall einplanen“, so die Logopädin. Eine gute Übung für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung: an Finnis Herz horchen, ihre Körperteile benennen und mit den eigenen vergleichen. „All das füllt den Wortschatz“, erklärt Mack. Ältere Patienten genössen es, den Hund zu kämmen. Eine mundmotorische Übung, die lispelnden Patienten helfe, sei, Leckerlis vom Tisch zu pusten. „Das Fressen ist ein Anziehungspunkt für Finni“, weiß Mack.

Auch für Hündin anstrengend

Dafür muss die sechsjährige Hündin einiges aushalten. Kneifen, gegen die Fellrichtung bürsten, laute Geräusche – all das darf sie nicht aus der Ruhe bringen. Beim Futter darf sie erst zulangen, wenn sie dazu aufgefordert wird. 2009 begannen Finni und ihr Frauchen mit der Ausbildung zum Therapiebegleithund, die Abschlussprüfung steht kurz bevor. „Am Anfang war sie ein Flummi, mittlerweile ist sie ruhiger“, erzählt Mack. Da die Therapie vom Hund hohe Konzentration verlangt, legt sie viel Wert auf Pausen. Finni begleitet sie nur an jedem zweiten Arbeitstag. „Es ist sehr kopflastig. Sie muss zu 100 Prozent gehorchen. Danach ist sie auch platt.“ Am Arbeitsplatz hat sie eine ungestörte Ruhe-Ecke. „Finni weiß genau: Wenn sie das Geschirr trägt, ist Arbeit angesagt, wenn sie nur das Halsband trägt, ist Freizeit, und sie darf sich austoben“, so Mack.

Die Logopädin musste die Ausbildung ihres Hundes selbst finanzieren. Auch für die Therapiestunden übernimmt die Krankenkasse keine Kosten. Zu ihrem Bedauern gibt es bisher keine Heilmittelverordnung für tiergestützte Therapie.

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Für Moritz’ Mutter Tanja Bombola ist entscheidend, dass ihr Sohn Freude an der Therapie hat und so bessere Fortschritte macht. „Seit Finni dabei ist, ist er viel motivierter. Wenn Tiere dabei sind, wie auch beim therapeutischen Reiten, blüht er auf.“ Mit vier Jahren kam der Junge in Behandlung, fing aber erst mit sieben an zu sprechen. „Er entspricht in seiner Entwicklung etwa der Hälfte seines Lebensalters“, erklärt die Mutter.

Mack arbeitet seit Juni in der Logopädie-Praxis von Anita Lotz an der Wiesenstraße. „Im Team war das nicht unumstritten, dass sie mit Hund arbeitet“, erinnert sich die Chefin. Man hat sich räumlich arrangiert, Hygienefragen geklärt. Die Skepsis ist gewichen, Finni ein beliebtes Teammitglied. „Sie fällt nie negativ auf, kein Winseln, kein Knurren, kein Bellen“, lobt Lotz. „Ein toller Hund.“

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