Wohnen statt Fleischhandel

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Abgeräumt: Wo Kühlhallen standen, entstehen Eigenheime.

Bürgel - Seit 1989 war die Gerhard-Becker-Straße auch eine Adresse für den ganz ausgefallenen Fleischgeschmack: Wen es nach Klapperschlange oder Bär gelüstete, der war beim Lebensmittelgroßhandel Möhring richtig. Jetzt sind dessen Hallen verschwunden. Von Thomas Kirstein

Zwischen Getränke-Kampfmann und dem denkmalgeschützten und deswegen zu erhaltenden Verwaltungsbau der früheren Gerberei Becker klafft eine Lücke. Gefüllt werden soll die Übergangsbrache mit Eigenheimen. Die auch schon im Wohngebiet An den Eichen tätige Sulzbacher PMG Projektentwicklungsgesellschaft baut dort 17 Reihen- und Doppelhäuser („Traumhaus – gesucht und gefunden“).

Konflikten mit angrenzendem Gewerbe soll ausreichend vorgebeugt sein, indem die ursprüngliche Planung angepasst wurde. Heutzutage müssen Wohnbau-Investoren – wie die Stadt selbst im Hafen durch die Speditionen auf Frankfurter Seite erfahren hat – Rücksicht auf die vorhandenen Strukturen nehmen. Dies soll ausschließen, dass Hauskäufer später wegen des gewerblichen Lärms in ihrer Nachbarschaft vor Gericht ziehen. Das ursprünglich bebaute Areal an der Gerhard-Becker- Straße ist laut Möhring-Inhaber Achim Heftrich bereits im vergangenen Herbst an die Wohnungsbaufirma verkauft worden. Seinen Fleisch- und Lebensmittelgroßhandel betreibt er mit seinem Geschäftspartner nun am zusammengeführten Standort in Rosbach vor der Höhe.

Nichts zu tun habe der Verkauf mit einem tragischen und immer noch finanziell belastenden Ereignis in seinem Leben, versichert Achim Heftrich. Am 1. September 1993 wurde der damals 33-Jährige in Dietzenbach entführt, sieben Tage in einer Kiste gefangen gehalten und gegen zwei Millionen Mark Lösegeld freigelassen. Wie sich später herausstellte, war sein Peiniger jener Rainer Körppen, der drei Jahre später den Frankfurter Kaufmann Jakub Fiszman entführte und ermordete. Durch polizeiliche Fahndungspannen war der Verbrecher im Fall Heftrich noch nicht identifiziert worden. Körppens überlebendes Opfer muss jahrelang das mit hohen Zinsen geliehene Lösegeld, von dem nichts mehr zurückzuholen war, abstottern. Heftrich hadert deshalb immer noch mit dem Staat und der Rechtsprechung: Er kann nicht verstehen, dass er zahlen muss, während der Staat das Lösegeld für Menschen übernimmt, die sich als Touristen fahrlässig in Gefahr gebracht haben.

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