Firmen reagieren zu selten

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Hans Barthelmes (links) diskutierte mit Peter Sülzen (rechts) und Klaus Kahlert (2. von rechts) über Möglichkeiten, wie Unternehmen mit hohen Energie- und Rohstoffkosten umgehen können.

Offenbach - Die hohen Energie- und Rohstoffkosten sind für Unternehmen in Stadt und Kreis eine Herausforderung. „Überall hören wir, dass die Preise enorm gestiegen sind“, sagt Peter Sülzen von der Industrie- und Handelskammer Offenbach im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

„Wir hören auch, dass es bei bestimmten Rohstoffen erste kurzfristige Lieferengpässe gibt.“ Klaus Kahlert von der Commerzbank in Offenbach fügt hinzu: „Etwa 60 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Hessen leiden unter den Rohstoffpreisen.“ Ein besserer Einsatz von Energie und Materialien wird immer wichtiger, weiß auch Hans Barthelmes, Effizienzberater aus Hainburg.

Energie und Rohstoffe werden nicht nur für Verbraucher, sondern auch für die Unternehmen in Offenbach immer teuerer. Inwieweit belastet diese Entwicklung die Bilanzen?

Sülzen: Beides belastet alle Unternehmen in Offenbach sehr stark. Auch wenn sich die Diskussion über die Rohstoffpreise an den sogenannten Seltenen Erden entzündet hat, geht es in der Praxis auch um ganz normale Rohstoffe, wie sie in jedem Produkt zu finden sind. Auch bei ihnen ist ein enormer Preisanstieg zu verzeichnen.

Um welche Rohstoffe geht es genau?

Sülzen: Betroffen sind vor allem die Industriemetalle, Kupfer oder Aluminium, aber auch bestimmte Agrarrohstoffe wie Mais, Hafer oder Baumwolle. Eigentlich geht es um alle Rohstoffe, bis hin beispielsweise zu sortenreinen Kunststoffen. Insofern ist jedes produzierende Unternehmen von den Preisanstiegen betroffen.

Die Strompreise sind ja auch eine große Belastung für die Offenbacher Unternehmen.

Sülzen: Ja. Erstaunlicherweise ist die Aufmerksamkeit bei den Energiekosten aber wesentlich größer als bei den Rohstoffkosten. Und das, obwohl die Materialkosten etwa 45 Prozent der unternehmerischen Kosten ausmachen. Bei den Energiekosten sind es gerademal 2,5 Prozent.

Klagen die Offenbacher Firmen schon über Belastungen? Nimmt die IHK das wahr?

Sülzen: Ja, auf breiter Front. Überall hören wir, dass die Preise enorm gestiegen sind, sowohl bei Energie wie auch bei den Rohstoffen. Wir hören auch, dass es bei bestimmten Rohstoffen erste kurzfristige Lieferengpässe gibt.

In welchem Bereich gibt es Lieferengpässe?

Sülzen: Beispielsweise beim Kupfer. Auch von Engpässen bei bestimmten Kunststoffen wurde uns berichtet.

Herr Kahlert, die Commerzbank hat eine Studie zu den Themen Energie und Rohstoffe erstellen lassen. Wie sehen die zentralen Aussagen aus?

Kahlert: Etwa 60 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Hessen leiden unter den Rohstoffpreisen. Rund die Hälfte der Mittelständler befürchten Abstriche bei der wirtschaftlichen Gesamtleistung. Jeder zweite Unternehmer befürchtet, dass er wirtschaftliche Probleme durch den Ressourcenmangel bekommen wird.

Wie sieht es mit der Volatilität aus?

Kahlert: Etwa Zweidrittel der Firmenchefs sagen, dass sie unter den Schwankungen der Rohstoffpreise leiden. Das ist eine wichtige Aussage. Die Rohstoffpreise sind sehr volatil. Das ist das Kernproblem der Firmen.

Sind die Energie- und Rohstoffpreise bereits ein Risiko für Unternehmen?

Kahlert: Sie stellen ein betriebswirtschaftliches Risiko da. Sie belasten die Ertragskraft.

Auf was müssen Firmen achten, wenn sie Energie effizient nutzen wollen?

Barthelmes: Sie müssen eine ganzheitliche Energie-Effizienz-Analyse für ihr Unternehmen machen. Sie müssen erst mal sehen, wo sie stehen. Dann wissen sie auch, wo man etwas einsparen kann. Das gilt natürlich für die Energie und Rohstoffe.

Wie genau kann eine Firma sparen?

Barthelmes: Man sollte schon in die Produktion eingreifen. Ein Unternehmer sollte schauen: Welche Werkstoffe sind auf dem Markt? Welche neuen Werkstoffe gibt es? Wie kann man ein Produkt produzieren, damit es leichter wird? So kann man Einsparungen erzielen.

Gebäude sind ja ein wichtiger Hebel, um Energie einzusparen.

Barthelmes: Sie müssen so abgedichtet werden, dass Energie nicht aus dem Gebäude entweichen kann. Mit Wärmebildkameras sollte getestet werden, wo die Energieverluste entstehen. Danach können sinnvolle Maßnahmen eingeleitet werden.

Sülzen: Es gibt keine Null-Acht-Fünfzehn-Lösungen. Es ist nicht nur die Gebäudehülle. Das Einsparpotenzial kann auch im Gebäude liegen, zum Beispiel in der Beleuchtung. Man kann Wasser sparen, sodass weniger Wasser erhitzt werden muss. In anderen Fällen kann eine neue Heizungsanlage sinnvoll sein. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Die optimale Lösung muss immer individuell für jedes Unternehmen zugeschnitten werden.

Barthelmes: Mit einer LED-Beleuchtung kann so viel Energie gespart werden. Man muss es aber anpacken. Beispielsweise sollte auch Abwärme aus der Produktion verstärkt genutzt werden.

Sülzen: Auch bei den Rohstoffen und dem Material gibt es viele mögliche Stellschrauben. Bei einigen Firmen reicht es schon aus, wenn sie eine größere Lagerhaltung haben. Dann können sie bei günstigeren Kosten einkaufen. Substitution ist ebenfalls ein Thema. Firmen sollten schauen, ob die bisher eingesetzten Materialien durch günstigere ersetzt werden können.

Kahlert: Lagerhaltung kostet natürlich Geld. Wir als Bank würden das selbstverständlich gerne finanzieren. Die Kreditnachfrage ist momentan generell etwas schwach. Es gibt auch andere Möglichkeiten. Wir haben Kunden, in deren Verträgen gibt es Preis-Gleit-Klauseln mit ihren Kunden. Übersteigt der Preis einen bestimmten Prozentsatz, können sie die Kosten weitergeben.

Sülzen: Bei kleineren Firmen reicht es vielleicht auch schon aus, wenn sie ihre Bezugsquellen diversifizieren, wenn sie nach anderen Lieferanten suchen. Sie können sich aber auch beim Einkauf zusammenschließen. So können sie größere Mengen bestellen.

Kahlert: Wir haben viele Vorschläge. Die Unternehmer sehen ebenfalls das Problem der volatilen Rohstoffkosten. Sie handeln aber kaum.

Barthelmes: Das ist ein Jammer. Mit Arbeitsgemeinschaften und Zusammenarbeit kann in Bezug auf Materialeffizienz viel erreicht werden. Es geht nicht nur um Preise, sondern auch um Materialeinsparungen.

Ist der Leidensdruck noch nicht groß genug?

Barthelmes: So würde ich das manchmal sehen. Es wird aber in Zukunft eine Notwendigkeit werden, Materialien und Rohstoffe am herzustellenden Produkt und in der Dienstleistung einzusparen. Die Unternehmer müssen ihre Fabrik und ihre Prozessabläufe mit einer Materialbrille betrachten.

Spüren Sie als Berater verstärkten Gesprächsbedarf von Firmen?

Barthelmes: Sie sind noch zurückhaltend.

Aber der Druck ist doch da?

Barthelmes: Das ist das Konträre. Die Unternehmen setzen noch immer mehr auf „wir können das selbst“ als sich einmal durch eine externe Unterstützung neue Anregungen und Ideen zu sichern.

Herr Sülzen, suchen Unternehmer Beratung bei der IHK?

Sülzen: Bei den Energiekosten ist die Sensibilität da. Das merken wir an den Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen und an den konkreten Anfragen, die uns täglich erreichen. Bei den Rohstoffkosten dagegen müssen wir das Thema noch puschen.

Steigen die Rohstoffpreise weiter?

Barthelmes: Ich denke schon.

Warum?

Barthelmes: Weil wir Menschen mehr verbrauchen. Irgendwo müssen die Rohstoffe ja herkommen. Bedenken Sie, es wird schon mehr Schrott als Rohstoff verbraucht und genutzt, als Roheisen produziert wird.

Sülzen: Hinzu kommt, dass die Förderstätten von Rohstoffen oft in Ländern liegen, die politisch nicht sehr stabil sind. Die Förderung ist zudem auf wenige große Unternehmen weltweit konzentriert. Bei heimischen Rohstoffen treibt auch die Konkurrenz zwischen Unternehmen und Naturschutz die Preise hoch.

Kahlert: Es ist zu beobachten und sicherlich auch der generelle Trend, dass die Rohstoffpreise steigen. Große Belastungen ergeben sich aber durch die Schwankungen.

Sülzen: Bei den Preisen für börsengehandelte Rohstoffe ist auch viel Spekulation mit drin.

Kahlert: Das wird überschätzt.

Wie können Firmen ihren Energieverbrauch optimieren?

Sülzen: Es gibt immer noch genug Unternehmen, die nicht wissen, wie ihr sogenannter Lastgang aussieht. Er zeigt, wie der Stromverbrauch über den Tag, über die Woche verteilt ist. Da sich der Strompreis nach der höchsten Last bemisst, ist das ein allererster Ansatz. Die weiteren Schritte hängen vom Ergebnis der Ist-Analyse ab. Hier zeigt sich vielleicht, dass beispielsweise die Elektromotoren zu alt sind. Sie halten die heutigen Energieeffizienzklassen nicht ein. Oft sind auch Druckluftkompressoren zu groß dimensioniert oder es gibt Leckagen in den Leitungen.

Herr Kahlert, welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmer, um sich gegen Preisschwankungen bei Energie und Rohstoffen abzusichern?

Kahlert: Nur jeder fünfte Unternehmer wird aktiv. Alles, was an der Börse gehandelt wird, kann man preislich absichern. Bei Zinsen und Devisen wird das schon gemacht. Bei den Rohstoffen sind die Firmen zurückhaltend. Wir können dem Kunden beispielsweise einen Preis für bestimmte Stahlsorten garantieren. Wenn der Preis überschritten wird, zahlen wir die Differenz. Man kann auch einen Durchschnittspreis für eine gewisse Periode festlegen. Wenn der Preis niedriger ist, kann der Kunde die Ware zu dem Preis natürlich nicht beziehen. Man kann die Preise auch mit Optionen absichern.

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