Logistikbranche als Jobmotor

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Michael Eisentraut

Offenbach - Die Logistikbranche ist wichtig als Jobmotor in Stadt und Kreis Offenbach. Sie ist vor allem auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Die Deutsche Post DHL setzt auf den Standort Obertshausen und baut dort ihr in Deutschland größtes Paketzentrum.

Michael Eisentraut, bei Deutsche Post DHL für das Projekt verantwortlich, Jochen Maul, Manager bei Geis Logistics Services aus Neu-Isenburg und Frank Achenbach, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, zuständig für Standortpolitik, sprachen mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn über die Logistikbranche und ihre Herausforderungen.

Herr Achenbach, wie wichtig ist die Logistikbranche für Stadt und Kreis Offenbach?

Frank Achenbach

Achenbach: Das Thema ist eng verbunden mit dem Großhandel. Durch die gute Anbindung der Region haben wir viele Unternehmen aus der Logistik und dem Großhandel in Stadt und Kreis. Im IHK-Bezirk haben wir knapp 26 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Verkehrsgewerbe und Großhandel. Das sind 16,9 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Die Stadt Offenbach liegt im Bundesdurchschnitt. Da liegt die Zahl bei zehn Prozent. Im Landkreis Offenbach ist der Anteil deutlich höher. Hier sind fast 20 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bereich Verkehr und Großhandel tätig. Signifikant viele Menschen. Das zeigt die besondere Bedeutung dieser Branchen. Und: Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren erheblich angestiegen. 2009 waren es in Stadt und Kreis Offenbach noch 24 500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Und es werden mehr Menschen einen Job in der Logistikbranche finden. Herr Eisentraut, warum fiel die Entscheidung bei Deutsche Post DHL für den Standort Obertshausen?

Eisentraut: E-Commerce boomt. Es werden heute viel mehr Pakete verschickt als vor einigen Jahren. Wir müssen die Kapazität unseres Netzes steigern. Mit aufwendigen Simulationen haben wir den Bedarf für unser Paketnetz in Deutschland untersucht und dabei auch unsere Bestandsinfrastruktur berücksichtigt. Im Ergebnis ist der Ballungsraum Rhein-Main für die Errichtung eines neuen Paketzentrums besonders gut geeignet. Deshalb haben wir hier in der Gegend ein geeignetes Grundstück gesucht und gefunden.

Da gab es keine große Auswahl.

Eisentraut: Die Fläche, die uns in Obertshausen angeboten wurde, war ideal - in unmittelbarer Nähe zu den Bundesautobahnen A3 und A5 sowie zum Frankfurter Flughafen gelegen. Jetzt haben wir hier 145 000 Quadratmeter Fläche.

Welche Kapazitäten schlagen Sie dort um?

Eisentraut: Wir streben an, dass 50 000 Pakete in der Stunde sortiert werden können. Im Moment gibt es in Deutschland 33 Paketzentren. Mit Obertshausen sind es dann 34. Der Standort wird für Rhein-Main zuständig sein. Es gibt noch zwei Standorte von Deutsche Post DHL in der Region, in Rodgau und Saulheim. Der Standort Obertshausen wird unser technisch modernster werden. Und er ist deutlich größer als unsere bisherigen Paketzentren.

Reicht die vorhandene Verkehrsinfrastruktur?

Eisentraut: An der Anschlussstelle Obertshausen gibt es heute oft Staus. In der Diskussion mit Hessen Mobil (ehemals Amt für Straßen- und Verkehrswesen) unterstützen wir die Suche nach Möglichkeiten, um die Situation so zu gestalten, dass sie für alle Verkehrsteilnehmer angenehmer wird.

Was braucht DHL also?

Eisentraut: Keinen Stau. Genau deshalb sind wir im Gespräch mit Hessen Mobil. Wir haben gemeinsam mit der Universität Kassel eine Studie zur Verkehrssituation vor und nach dem Bau des neuen Paketzentrums durchgeführt und die Ergebnisse für eine weitere Diskussion Hessen Mobil zur Verfügung gestellt.

Glauben Sie, dass die Bevölkerung dafür Verständnis hat?

Eisentraut: Ursprünglich hatte die Stadt Obertshausen ein Mischgebiet an dem künftigen Deutsche-Post-DHL-Standort geplant. Die Verkehrsplanung sah wesentlich mehr Fahrzeuge vor. Da wir einen großen Teil des Gewerbegebiets nutzen, ist der Verkehr geringer als ursprünglich prognostiziert.

Wie viel investiert Deutsche Post DHL und wie viele Jobs werden geschaffen?

Eisentraut: Der Neubau in Obertshausen ist Teil einer Gesamtinvestition von insgesamt 750 Millionen Euro, mit der wir unser Paketnetzwerk bundesweit modernisieren und ausbauen. Damit erhöhen wir die Leistungsfähigkeit unserer Paketproduktion noch einmal deutlich. Hier in Obertshausen investieren wir einen zweistelligen Millionenbetrag und schaffen rund 600 Arbeitsplätze.

Wann werden die ersten Pakete abgefertigt?

Eisentraut: Im Herbst 2014 werden wir die ersten Pakete in Obertshausen bearbeiten.

Herr Maul, worauf hat sich Geis-Logistik spezialisiert?

Jochen Maul

Maul: Die Geis Gruppe ist ein inhabergeführtes Unternehmen. Der Vater der beiden Brüder, die die Firma jetzt führen, hatte mit einem Lkw nach dem Weltkrieg angefangen. Nun hat das Unternehmen mehr als 4 000 Mitarbeiter. Es gliedert sich in drei Bereiche: Luft- und Seefahrt, klassische Spedition und logistische Dienstleistungen. Im zuletzt genannten Bereich betreiben wir für namhafte Kunden Logistikzentren, sei es für die Produktionsversorgung, für Fertigwaren oder Ersatzteile. In Neu-Isenburg haben wir uns angesiedelt, weil der Kunden - ein großer deutscher Industriekonzern - ein komplettes Leistungspaket mit internationaler Ersatzteilversorgung ausgegliedert hat.

Welche Bedeutung hat der Frankfurter Flughafen für die Logistikbranche?

Maul: Unsere Kunden haben sehr eilige Sendungen in alle Welt, deshalb sind sie mit uns in dieser Region. Für den Standort in Neu-Isenburg und für unseren zweiten Standort in der Region in Dietzenbach ist die Bedeutung des Flughafens daher sehr groß. Er ist ein internationales Drehkreuz. Es gibt fast rund um die Uhr regelmäßige internationale Flugverbindungen. Wir nutzen für spezielle Ersatzteillieferungen auch das Frachtangebot von Passagiermaschinen. Auch viele andere große Logistiker, mit denen wir zusammenarbeiten, sitzen am Flughafen.

Ist das Nachtflugverbot eine Beeinträchtigung für Logistiker?

Maul: Die Nähe zum Flughafen ermöglicht auch späte Bestellungen unserer Kunden noch am gleichen Tag oder in der gleichen Nacht zu verladen. Würde das Nachtflugverbot noch weiter ausgeweitet, wäre das sehr schmerzvoll für uns.

Mit dem jetzigen Nachtflugverbot in Frankfurt können Sie leben?

Maul: Absolut. Das Zeitfenster ist ja relativ klein.

Und wenn das Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr gelten würde?

Maul: Dann würde es anfangen sehr eng zu werden.

Haben Sie als Logistiker Verständnis für Beschwerden der fluglärmgeplagten Anwohner?

Maul: Verständnis ja. Viele leben aber vom Flughafen, die ganze Region lebt vom Flughafen. Hier sollten Interessen abgewogen werden und auch die Tatsache berücksichtigt werden, dass der Flughafen ja schon sehr lange an diesem Standort ist.

Welchen Stellenwert hat die Logistik für Firmen in Stadt und Kreis Offenbach?

Maul: Sie hat einen sehr hohen Stellenwert. Man sieht das ja auch an der Zahl der Neubauten. Die Unternehmen wachsen, damit auch die logistischen Anforderungen.

Stichwort Infrastruktur: Wo klemmt es in der Region?

Maul: Es klemmt dort, wo es sich staut. Probleme gibt es beispielsweise immer am Autobahnkreuz Offenbach-Süd. An der einen oder anderen Stelle müssten Engpässe beseitigt werden, damit die Verkehre fließen können.

Wir reden immer vom Ausbau. Ist es nicht auch eine Möglichkeit, den Verkehr zu verringern indem man den Öffentlichen Nahverkehr ausbaut?

Achenbach: Das kann ein Ziel sein. Die IHK sieht den ÖPNV als wichtigen Baustein des Mobilitätskonzepts der Region. Deshalb setzen wir uns auch für die Regionaltangente West ein. Sie ist wichtig für Neu-Isenburg, Dreieich, Langen. Sie würde von Neu-Isenburg über den Flughafen an Eschborn vorbei bis nach Bad Homburg führen. Über die Tangente könnten Pendler schneller an den Flughafen oder nach Eschborn kommen. So kämen Pkw von der Autobahn. Frankfurt ist eine Pendlerstadt, Offenbach auch.

Und die Straße?

Achenbach: Auch dort muss investiert werden. Schließlich soll allein der Lkw-Verkehr den Prognosen zufolge bis 2025 um 84 Prozent steigen. Für die Region ist der Ausbau der A3 und damit verbunden der Ausbau der Anschlussstellen wichtig.

Welche Probleme trägt die Logistikbranche noch an die IHK heran?

Achenbach: Der Flughafen ist ein zentrales Thema. Wir brauchen ein funktionierendes internationales Drehkreuz. Aber auch die Bedürfnisse der Bürger sind wichtig. Ich denke, dass Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr ist ein guter Kompromiss. Die Schraube weiter anzuziehen, wäre für die Logistiker ein schwerer Schlag. Da würde sicherlich in der einen oder anderen Führungsriege das Nachdenken losgehen, ob man noch am richtigen Standort ist.

Ist das das einzige Problem?

Achenbach: Die Flächen sind auch ein Problem. Sie sind knapp und haben ihren Preis. Das wird Herr Eisentraut bestätigen. Logistiker, die die Nähe zum Kunden oder Flughafen brauchen, kommen ins Rhein-Main-Gebiet. Warum ist Amazon in Bad Hersfeld? Da sind die Flächen billiger. In Neu-Isenburg ist noch einiges in Bewegung. An der Gehespitz siedeln sich Logistiker an, da ist nicht nur das Unternehmen von Herrn Maul. In Rodgau ist noch eine größere Fläche im Gespräch für einen Logistikpark.

Herr Eisentraut, wie wichtig ist ein schnelles Internet mittlerweile für ein Logistik-Unternehmen?

Eisentraut: Es hat einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Wir sind künftig in Obertshausen in ein Netzwerk eingebunden. Mehrere Millionen Daten von Paketen werden jeden Tag transportiert.

Reicht die Breitbandversorgung in Obertshausen für Deutsche Post DHL aus?

Eisentraut: Die Kapazität, die wir angeboten bekommen, reicht aus.

Achenbach: Dazu muss man sagen, die großen Unternehmen finden Lösungen. Die Deutsche Telekom kann beispielsweise jedem Unternehmen jede beliebige Bandbreite anbieten. Es ist nur eine Frage des Preises. Kleine Unternehmen haben es da schwerer.

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