Fixe Idee mit brutalen Folgen

Offenbach ‐ Dort, wo er wohl die nächsten Jahre verbringen muss, gilt er als unauffällig. Seinen unfreiwilligen Mitbewohnern bringe er geduldig die Musik näher, heißt es.  Von Thomas Kirstein

Wie früher durch die Lande ziehen wird der 42-jährige Straßenmusikant so bald nicht mehr können. Er musiziert hinter Gittern, weil ihn das Amtsgericht Offenbach bereits zweimal wegen gefährlicher Körperverletzung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt hat.

Dass seine Taten und seine Aussagen wirken, als wären sie von Wahnvorstellungen beeinflusst, konnte das Urteil von Richter Manfred Beck nicht beeinflussen. Der stützt sich auf das Gutachten des erfahrenen Offenbacher Psychiaters Professor Manfred Bauer. Der frühere Chef der örtlichen Psychiatrie attestierte dem Angeklagten volle Schuldunfähigkeit.

Der Mann entstammt bürgerlichen Verhältnissen, wuchs in Wuppertal auf. „Als Nachzügler verhätschelt von den Eltern, kam er mit den Anforderungen des Lebens nicht zurecht“, beschreibt ihn Richter Beck. Schulisch überfordert, flüchtete er mit 17 in die Drogen, rauchte Marihuana und Hasch, ließ sich zu Heroin verleiten, entwickelte fixe Ideen, wurde aggressiv, wenn jemand an seinen Phantasien zweifelte.

Mit Langhaarperücke als Paketbote verkleidet

So vor einigen Jahren, als er sich an einen Kneipengast von hinten anschlich und ihm ein Messer in den Rücken rammte. Auslöser der Tat war, dass er zuvor aus der Lokal geflogen war, weil er Gäste mit betrunkenen Tiraden über seine einzigartige Person belästigt hatte.

Dem damals vom Offenbacher Amtsgericht verhängten Gefängnisaufenthalt zog er die Flucht nach Gran Canaria vor, wo er sich mit seiner Musik einige Monate durchschlug. Als ihm das Geld ausging, kam er zurück nach Deutschland. Im Februar 2009 tauchte er dann in Offenbach auf, um mit einem ebenso skurrilen wie brutalen Auftritt die Grundlage für eine weitere Verurteilung zu legen. Nach Schilderung des Gerichts verkleidete er sich mit einer Langhaarperücke und klingelte bei einem Paar, das ihm früher die Freundschaft aufgekündigt hatte, weil er den Mann aus nichtigem Grund stark gewürgt hatte. Er gab sich als Paketbote aus. Als der 40-jährige Wohnungsinhaber merkte, wen er vor sich hatte, war es zu spät. Der Musikant schrie seinen früheren Freund an, er solle ihm seine gestohlene Lebensenergie und die Freundin zurückgeben.

Gestohlene Lebensenergie führt zu Platzwunde

Da beides schlecht möglich war, begann der Angeklagte mit einem faustgroßen Stein den Offenbacher zu bedrohen. Das Opfer und seine Lebensgefährtin wehrten sich nur verbal: Wie sie vor Gericht aussagten, verstehen sie sich als Pazifisten. Eine Zeit lang ließ sich die Situation etwas durch Reden entspannen, doch dann verlieh der Angreifer seiner Forderung nach Rückgabe der Lebensenergie Nachdruck, indem er dem Offenbacher mit dem Stein eine Platzwunde am Kopf zufügte. Dabei habe er ausgerufen: „Es tut mir gut, es tut mit gut...“

Ein Toilettengang erlaubte dem Attackierten zu fliehen und sich seine Verletzungen im Krankenhaus nähen lassen. Den Straßenmusiker schnappte später die Polizei.

Nur Ausfluss einer fixen Idee

In der Hauptverhandlung bestritt der Angeklagte die Tat. Er sei zur fraglichen Zeit mit zwei Bekannten in Remscheid und Wuppertal unterwegs gewesen. Die Männer wollten das Alibi aber nicht bestätigen, beschrieben den Beschuldigten jedoch als hilfsbereiten Menschen, der nie psychisch auffällig gewesen sei. Das Gericht um Manfred Beck hielt hingegen die Offenbacher Zeugen, den misshandelten 40-Jährigen und seine Lebensgefährtin, für ausreichend glaubwürdig.

Professor Manfred Bauer befand schließlich, das, was auf den ersten Anschein wahnhaft erscheine (Herausgabe der nicht vorhandenen Freundin und der Lebensenergie) sei beim Angeklagten Ausfluss einer fixen Idee. Zu der habe seine zur Sturheit gewordene mangelnde Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren, geführt. Der Mann habe aber jederzeit erkannt, dass es verboten sei, jemanden mit einem Stein zu verletzen, meinte Bauer.

Drei Jahre Haft - Angeklagter geht in Berufung

Das Gericht folgte dem Gutachter: Der Mann sehe sich als supertoller Typ, zu dem eben auch eine Freundin gehöre. Dass er wegen seiner verschrobenen Art keine Frau abbekam, kompensiert er nach Überzeugung des Gerichtes mit dem Glauben, andere versteckten die Freundin vor ihm. Und das nicht erst in jüngster Zeit: Schon vor einigen Jahren bedrohte er mit dem Messer einen Mann, der ihn zuvor ein Praktikum in seinem Geschäft hatte ableisten lassen. Einige Wochen später war der Angeklagte wieder aufgetaucht und hatte auch damals verlangt, man solle ihm seine Freundin herausgeben. Damals war der Angeklagte als schuldunfähig eingestuft worden.

Über das aktuelle Urteil, drei Jahre Haft, so berichtet Richter Manfred Beck, sei der Angeklagte sehr verärgert gewesen. Er habe sofort Berufung eingelegt.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Thorben Wengert

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare