Fleiß zählt nicht nur im Sport

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„Fußball ist das Tor zum Lernen.“ So lautet die neue berufsbezogene Bildungsmaßnahme für junge Menschen. In Offenbach ist das mittlerweile fünfte Projekt gestartet. Regelmäßiges Training ist ein fester Bestandteil für die 14 jungen Männer und Frauen.

Offenbach ‐  „Wir brauchen wieder Spieler, die Gras fressen.“ Ein markiger Spruch eines Funktionsträgers, der jedoch den Kern trifft: Gefragt sind Disziplin, Fleiß, Ehrgeiz, Teamfähigkeit. Das ist nicht allein im Fußball so, sondern auch im Arbeitsleben. Von Martin Kuhn

Das Projekt „Fußball ist das Tor zum Lernen“ verbindet das alles. Gestartet ist es in Offenbach mit 14 jungen Leuten. Projektleiter Frank Schmidt jubelt: „Zwei haben wir bereits vermittelt.“ In den Jubel stimmt Matthias Schulze-Böing sicher gern ein. Seine Mainarbeit steckt gut 60.000 Euro in das Projekt und ist froh über jeden jungen Menschen, „den wir in den Arbeitsmarkt bekommen“. Geht’s nach der Gästeliste zum offiziellen Startschuss, ist die Bildungsmaßnahme breit und gut aufgestellt.

Uniformierte weisen dezent den Weg in die Kaiserstraße 22. Im zweiten Stock versammeln sich Hessens Innenminister Volker Bouffier, der türkische Generalkonsul in Frankfurt Ilhan Saygili, DFB-Vizepräsident Rolf Hocke, Oberbürgermeister Horst Schneider und andere. Schwergewichte, die stützen und fördern. Reporter zücken Kameras, Mikrofone, Diktiergeräte oder wenigstens Kugelschreiber. Es gilt, eine Botschaft ist zu transportieren.

Bildungssystem versagt bei jungen Männern

Eher schüchtern stehen diejenigen zusammengedrängt, um die es letztlich geht: Jugendliche, die ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten überprüfen, sich in Sachen Ausbildung orientieren und eine Berufswahl treffen wollen. Özlem und Eren geben dem Projekt ein Gesicht. Sie möchte Kosmetikerin werden, er Mediengestalter. Der 21-Jährige fasst prägnant zusammen, was alle Teilnehmer antreibt: „Ich habe jeden Morgen Lust, hierher zu kommen. Alle sind super nett.“ Also ganz anders als in der Schule? „Da ließ ich mich sehr leicht ablenken.“ Für den aktiven Fußballer ist die Kombination - er kann wie alle anderen auch die C-Lizenz Breitenfußball machen - enorm motivierend: „Da bleib’ ich dran, am Fußball, der Schein ist mir nützlich.“

Das heißt im Umkehrschluss: Das traditionelle Bildungssystem versagt gerade bei einer bestimmten Personengruppe - junge Männer mit Migrationsgeschichte. Oberbürgermeister Horst Schneider, ehemals Lehrer, gibt unumwunden zu: „Wir haben zu viele Verlierer produziert.“ In Offenbach gibt es bis zu 800 arbeitslose Jugendliche. 14 sind nun in der neuen Maßnahme untergekommen, „wir dürfen aber keinen einzigen aufgeben“. Für Schneider ist klar, dass eine kontinuierliche Begleitung (vom Deutsch-Kurs in der Kita bis zur Ganztagssschule) wichtig ist, um nicht länger als „Reparaturbetrieb“ agieren zu müssen. Seine Einschätzung: „Das wird noch eine Generation dauern.“

Maßnahmen zur Orientierung und Eingliederung gibt es viele, die Verknüpfung mit dem Sport ist neu. Experten setzen auf die Gruppendynamik, das, was im Sport unabdingbar ist: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, „ein Instrument, um in den Arbeitsmarkt zu kommen“, so Gül Keskinler, deren Kompetenzteam das Bildungsprogramm anbietet. Dr. Schulze-Böing übersetzt das gern: „Der Stellenmarkt funktioniert nicht mehr über den Anzeigenteil in Zeitungen, sondern über die sozialen Kontakte.“

In Gießen hat das nicht ganz funktioniert

Solche knüpft man auf dem Fußballplatz, am Spielfeldrand, unter der Dusche. Und er gibt zu bedenken: „Es gibt eben einige, die sich mit dem üblichen Procedere schwer tun...“ Ein Trainer-C-Schein sei nicht das Schlechteste in einer Bewerbung: „Im Gegenteil. Der Personalchef sieht: Der ist dran geblieben, der hat was erreicht.“

Der hessische Innen- und Sportminister Volker Bouffier ist gleichermaßen überzeugt von dem Projekt, die Kombination sei zukunftsfähig: „Wir haben viele Gremien gegründet und viel Geld in die Hand genommen, um jungen Männern eine Chance zu geben, die keinen Schulabschluss haben.“ Die Erfolgsquote sei eher bescheiden. Volker Bouffier ist indes sicher: Über den Sport ist das zu schaffen. Dann wendet sich der CDU-Politiker direkt an die jungen Leute: „Von Euch erwarte ich den Willen, das Angebot anzunehmen. Fleiß und Disziplin sind nicht abhängig vom Schulabschluss.“

Zeitlich befristet ist die Maßnahme auf zehn Monate. Das ehrgeizige Ziel laut Oberbürgermeister: „Wir wollen alle zehn Männer und vier Frauen vermitteln.“ In Gießen hat das nicht ganz funktioniert. In Mittelhessen liegt die Quote bei 46 Prozent. Aber zumindest Bouffiers Zielvorgaben sollten erfüllt werden: „Ich möchte, dass Sie auf sich selbst stolz sind.“

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