Flucht manchmal beste Lösung

+
Gefahr erkennen, Courage zeigen und anderen in Not helfen: Dinge, die für eine Gesellschaft notwendig sind und gelernt werden können. Zum Beispiel bei der Offenbacher Polizei. Betrunkene bedrängen in der Bahn eine Frau. Das Bürgerseminar zeigte, wie man in dieser Situation am besten reagiert.

Offenbach - Eine rüstige ältere Dame beobachtet einen Streit an der Bushaltestelle Klinikum. Sie will schlichten, wird im Gerangel zu Boden gestoßen. Resultat: verstauchtes Handgelenk und lädiertes Ego. Diese Situation ist so nicht passiert, könnte sie aber. Von David Heisig

Sich in Gefahrensituationen richtig zu verhalten und anderen zu helfen, ohne selbst körperlichen oder seelischen Schaden zu nehmen, kann man lernen. Die Offenbacher Polizei bietet hierzu zusammen mit der Stadt Seminare für Bürger an. So auch am Wochenende in der Volkshochschule. „Gewalt-Sehen-Helfen“ (GSH) ist der Titel dieser Veranstaltungen. Das Programm ist bewusst opferzentriert angelegt. „Im Prinzip ignorieren wir die Täter“, sagt Seminarleiter Peter Bender von der Polizei. Es gehe darum, sich dem Opfer zuzuwenden und auszuloten, wie man dieses aus der Gefahrensituation hole. So wolle man eine Kultur „des Hinsehens und Helfens“ fördern. Die Botschaft: Jeder kann etwas tun, unabhängig von Alter, Geschlecht und Körperbau. „Es gibt viel mehr Hilfsbereitschaft, als gemeinhin angenommen wird“, so Bender. Zu Beginn des Kurses steht Theorie. Auf Plakaten sammeln die Teilnehmer Meinungen und Ideen. Dann werden Lösungen präsentiert. Am nächsten Tag folgen Rollenspiele.

In einem wird ein Mann auf der Kirmes von einem auf Krawall gebürsteten anderen angerempelt und in einen Streit hineingezogen. Wie verhält sich der unfreiwillig Beteiligte am besten? Bender und sein Seminarkollege Rupert Steegmüller führen vor. Die Teilnehmer müssen die Situation beobachten und einschätzen. Das erweist sich als nicht einfach. Denn je länger man in einer Situation verbleibe, umso schwerer sei der Ausstieg, erklären die Seminarleiter. Beste Lösung sei hier die Flucht: Den Konflikt verweigern und Distanz zum Angreifer zu schaffen. GSH wurde 1997 in Frankfurt ins Leben gerufen. Seit 2006 führt auch Offenbach als Kooperationspartner der Kampagne Bürgerseminare durch. „Kriminalität kennt keine Grenzen“, so Bender. Zwar könne man nicht sagen, dass in Städten ein höherer Bedarf an Bürgerbildung bestehe. Gleichwohl häuften sich in Ballungsräumen aufgrund der höheren Einwohnerzahlen und der vielen Kulturkreise aber die Vorkommnisse. Es ginge nicht unbedingt um die „objektive Lage“, so Bender, sondern darum, wie sich die Leute fühlten und wie man ihnen mehr Sicherheit geben könne.

Polizei oder Notruf aus der Distanz anrufen

Um Hilfe für Andere geht es im nächsten Rollenspiel. In einem Zug fühlt sich eine Dame vom Streit zweier Betrunkener bedrängt. Sie möchte ihren Platz verlassen, kann aber nicht. In solchen Fällen gebe es durchaus auch gute Gründe, nicht zu helfen, findet die Gruppe. Etwa wegen schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit. Manchmal werde Hilfe auch gar nicht angenommen, sagt eine Teilnehmerin. „Wir raten, durch ein Negativerlebnis nicht gleich abzulassen“, sagt Bender. Polizei rufen oder Notruf wählen sei immer ein probates Mittel aus der Distanz. Die Grenze aber sei eindeutig da zu ziehen, wo das eigene Leben, die eigene Gesundheit gefährdet wird. Mit dem Seminar wolle man Impulse geben, so Bender. Ganz gleich, wer da im täglichen Miteinander Grenzen überschreite und ob andere Kulturkreise beteiligt sind oder nicht: „Eine Backpfeife tut weh, egal wer schlägt“, so Bender.

Schlägerei auf dem Bieberer Berg

Schlägerei auf dem Bieberer Berg

Am Ende bekommen die Teilnehmer anhand eines Skripts Tipps mit auf den Weg. „Daran müssten viel mehr Leute teilnehmen“, lobt ein Teilnehmer das Seminar. Trotz Werbung sind beim Treff am Samstag nur noch sechs Interessierte dabei. Am Vorabend waren es noch 13. Bender und Steegmüller nehmen’s gelassen. Wenn die Teilnehmer einen positiven Impuls weitergäben, „dann sind beim nächsten Mal 18 Leute hier“, meint Bender mit Blick aufs nächste Seminar im Frühjahr.

Kommentare