Fluchtwege in die Freiheit geschaufelt

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Half Anfang der 60er-Jahre mit, Tunnel unter der Berliner Mauer zu bauen: Walter Suermann.

Offenbach - Walter Suermann war dabei. Der Offenbacher Oberbürgermeister der frühen 1980er Jahre gehörte als Student zu den Tunnelbauern von Berlin. Der 20. Von Lothar R. Braun

Jahrestag des friedlichen Mauerdurchbruchs von 1989 bringt auch die „Wühlmäuse“ in Erinnerung, die in der Frühzeit der Berliner Mauer Fluchtwege in den freien Westen schaufelten. Überwiegend von Idealismus getriebene Studenten waren das zu Anfang. Erst später machten kommerzielle Fluchthelfer ein Geschäft daraus.

Suermann ist heute 70 Jahre alt. Das Mauerfall-Jubiläum hat ihn angeregt, mit Diavorträgen in Freundeskreisen zu vermitteln, wie es zuging im Berlin der Jahre 1962 bis 64. Dabei verweben sich Treue und Verrat, Liebe und Tod, Verzweiflung und Verwegenheit zu einem farbigen Kapitel deutscher Geschichte.

Es gab verschiedene Gruppen, die damals im Erdreich unter der Mauer buddelten. Über ihre Motive sagt Suermann: „Studentische Fluchthilfe war in der Regel selbstlos, häufig politisch motiviert. Vielfach ging es um Angehörige, Freunde und Freundinnen, die man in die Freiheit holen wollte. Auch gruppendynamische Prozesse brachten Studenten, Schüler und andere Helfer dazu, ihre freie Zeit zum Graben von Tunneln zu opfern“. Gewiss fand auch Abenteuerlust dabei ein Feld.

Suermanns Gruppe konnte Rekorde brechen

Ihn selber trieb die Liebe zu einem Mädchen an, das im Ostteil der Stadt eingemauert war. Mit seiner „Gruppe Fuchs“ wühlte auch Suermann zunächst unter der Erde. Später nützte er seiner Gruppe als Personal- und Finanzbeschaffer. Er berichtet: „Für etwa 25 bis 30 ehrenamtlich Tätige, für Material und Verpflegung, Mieten und anderes waren monatlich um die 150000 DM aufzutreiben. Dabei fand ich viele offene Türen bei Spitzenpolitikern, prominenten Rechtsanwälten und Industriellen. Auch Verleger, wie Springer und Augstein, halfen.“

Mit einem ihrer Tunnel, an der Bernauer Straße, konnte Suermanns Gruppe Rekorde brechen. Mit einer Länge von 145 Metern und einer Tiefe von 12 Metern war er unter den Berliner Tunneln der längste, tiefste und teuerste. Kein anderer erlebte so viele Grabende und keiner öffnete so vielen Flüchtlingen den Weg in die Freiheit. Am 3. und 4. Oktober 1964 konnten 57 Flüchtlinge auf verschlungenen Wegen zum Tunneleingang geführt werden. In den Chroniken wird dieser Fluchtweg als „Tunnel 57“ bezeichnet.

Suermann zeigt dazu Fotos vom nur 90 Zentimeter hohen und 100 Zentimeter breiten Stollen, vom Hochziehen der Flüchtlinge aus der Tiefe, von Belüftung, Beleuchtung und Grundwasser-Entsorgung. Er macht die Platzprobleme beim Lagern des Aushubs und die körperlichen Strapazen anschaulich.

Zu einem tragischen Zwischenfall kam es, als Grenzsicherer der DDR den Tunnel am 5. Oktober 1964 stürmten. Dabei kam ein Unteroffizier der DDR-Polizei im Feuer der eigenen Leute ums Leben. In der Propaganda der DDR, aber auch in den Medien der Bundesrepublik schlug der Vorfall hohe Wellen.

Immer waren die Tunnelbauer gefährdet durch Verrat und Schwatzhaftigkeit. Eine unbedachte Äußerung konnte die Arbeit von Monaten zunichte machen und Tod oder Haft bringen. Etliche Tunnelbauer wurden denn auch beim Ausstieg erschossen oder schwer verwundet. Wer lebend gefasst wurde, verschwand hinter Zuchthaus-Mauern.

Die Geschichte der Berliner Tunnel endete 1965, als die Grenzorgane der DDR technisch aufgerüstet hatten. Mit Passierschein-Regelungen und dem Freikauf politischer Häftlinge durch die Bundesrepublik hatte ohnehin eine neue Phase der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten begonnen.

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