Flughafenlogik in der Kita

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Anke Agius-Gilibert (rechts, stehend) und ihren Kolleginnen präsentierten Bürgermeisterin Birgit Simon die Ergebnisse ihrer Weiterbildung. Die Spielfiguren sehen sich in den Spiegeln auf denen sie sitzen, die Erzieherinnen spiegeln sich im Verhalten ihrer Gruppen wieder. Nur eine Erzieherin die Abstand nimmt und sich selbst reflektiert, kann ihrer Kindergruppe Anregungen geben - Aufsicht mit Draufsicht.

Offenbach - Warum und wie finde ich mich am Flughafen zurecht, egal in welchem Land? Weil die Zeichen für Treffpunkt, Toilette und Gepäckausgabe immer gleich sind. Von Katharina Hempel

Das fanden die Erzieherinnen der Kindertagsstätte (Kita) 20 während ihrer Weiterbildung heraus, bei der es um den „Raum als dritte pädagogische Kraft“ ging.

Gestern gaben sie, im Beisein von Bürgermeisterin und Jugenddezernentin Birgit Simon (Grüne) und Kindergarten-Chef Hermann Dorenburg, ihre neu gewonnenen Erkenntnisse preis und erzählten, wie und mit welchem Erfolg sie diese im Kindergartenalltag umsetzen.

Das Qualifizierungsprogramm für Kindertagesstätten lässt sich die Stadt 900 000 Euro kosten. Es ist auf drei Jahre angelegt und umfasst zehn Bausteine. Die Einrichtungen wählen daraus nach ihren Bedürfnissen aus.

Die Kita 20 entschied sich für den „Raum“. Und wie erkennbare Zeichen und Schilder einem Reisenden überall Sicherheit geben, tun sie das jetzt in der Frühlingsaustraße. Das schafft Selbstständigkeit für die Kinder. Vorher etwa bewahrten Leiterin Anke Agius-Gilibert und ihre Kolleginnen die Spielsachen in bunten Plastikkisten auf, vielleicht auch noch ganz oben im Regal: „Da waren wir ständig am Suchen oder Runterhieven, und die Kinder konnten nicht frei und selbstständig spielen - das war unbefriedigend für beide Seiten.“

Pinguingruppe, Turnraum und Toilette

So kommt der „Raum als dritte pädagogische Kraft“ zum Zuge. Anke Agius-Gilibert und Co. hängen die Regale auf Kinderhöhe, kaufen durchsichtige Plastikkisten für die Spiel- und Bastelsachen. Auf die Türen kleben sie Fotos, die den Kindern zeigen, was oder wer sich dahinter befindet: die Pinguingruppe, der Turnraum oder die Toilette. Von jedem Kind knipsen die Erzieherinnen ein Porträt und befestigen es über dem Jackenhaken, an der persönlichen Schublade und am Wochenplan.

Alle Zeichen sind nun einheitlich - wie am Flughafen. „Bei den Kindern hatte ich auf einmal das Gefühl, dass sie in den Raum kommen und sich auskennen - egal ob sie neu in der Gruppe waren oder nicht“, beschreibt Erzieherin Claudia Scherer die Wirkung der Maßnahmen.

Den Kindern fehlte Struktur und Orientierung

Der zweite Schwerpunkt der Kita 20 während der aktuellen Fortbildungsphase hieß „Selbstbildungsprozesse in Kindergruppen“. Anders gesagt: Sollten sich die Erzieher einmischen, oder die Kinder einfach mal machen lassen? „Pädagogen haben die Neigung, früh zu intervenieren. Zurückhaltung ist aber besser“, sagt Kita-Chef Dorenburg, „Kinder haben eigene Strukturen und können sich selbst regulieren“. Wenn der Rahmen stimmt. „Wir haben gemerkt: Den Kindern fehlte Struktur und Orientierung. Also haben wir den Tagesablauf geändert“, sagt die stellvertretende Leiterin Jutta Endres-Erb. Jede Gruppe hat nun ihren festen Turnhallentag. Die Kinder wissen und akzeptieren das. Streitereien um den beliebten Tobeort gibt es nicht mehr. Alle wissen: Ich werde nicht vergessen. Ich komme auch noch zum Zug.

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