Donner über Lauterborn

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Über die Dächer Lauterborns spannen Flieger tagein, tagaus ihre Flügel. Um die lärmgeplagten Anwohner legen Vermieter ihre Arme jedoch nicht immer.

Offenbach - Freitagvormittag. Ein schöner Tag im Lauterborn. Krokusse blinzeln zaghaft aus der Erde, die erste Knospen sprießen, der Himmel ist blau, die Sonne warm – es donnert. Armes Lauterborn. Schöne Tage sind laute Tage rund um den Europa- und den Händelplatz. Von Fabian El Cheikh

Nun, da es den Menschen wieder vermehrt ins Freie drängt, wird allgegenwärtig, woran er sich hinter verschlossenem Fenster fast schon gewöhnt hatte: an den zunehmenden Fluglärm in einem ohnehin benachteiligten Stadtteil.

Seit Jahren leiden die Anwohner unter der schier nicht abreißenden Kette donnernder und dröhnender Jets, die auf ihrer Einflugschneise zum Frankfurter Airport eine Schneise des Schalls über Lauterborn schlagen. „Der Stadtteil zählt zu den am stärksten von Fluglärm betroffenen in ganz Rhein-Main“, wird die Stadt daher nicht müde zu betonen.

Lärmbelastung verringern

Keineswegs nur Schall und Rauch sind denn auch ihre beharrlichen Bemühungen – wie die anderer Kommunen und Initiativen –, die Lärmbelastung zu verringern. Wieviel indes vom jetzigen Nachtflugverbot bleibt, wird sich bekanntlich ab kommender Woche zeigen, wenn vor dem Bundesverwaltungsgericht die Revisionsverhandlung beginnt. Ausgang? Völlig ungewiss.

Dass es immer noch schlimmer kommen kann, haben die Lauterborner nach der Eröffnung der neuen Nordwestbahn im vergangenen Herbst erfahren müssen. Nun haben sie das fragwürdige Vergnügen, Jets im Parallelmodus beobachten zu dürfen. Zwei Einflugschneisen ziehen sich seither über den Stadtteil, knüpfen den Lärmteppich jetzt auch im Stereomodus. Vielmehr schon um Surroundklang handelt es sich nach Ansicht betroffener Mieter, die von ihren Vermietern den Einbau von Schallschutzfenstern fordern. Keine einfache Angelegenheit, auch wenn es dafür Programme vom Land und vom Flughafenbetreiber gibt. Ein neues ist gerade auferlegt worden. Fraport listet eine ganze Reihe von Straßen und Gebäuden unter anderem im Lauterborn auf, die aufgrund der gesetzlich geltenden Nachtschutzzone mit passivem Schallschutz ausgestattet gehören. Schallschutz, den Fraport in Schlaf- und Kinderzimmern bezahlt.

„Mieter können grundsätzlich keinen Schallschutz verlangen“

Das Problem dabei beschreibt Detlev Dieckhöfer vom Mieterbund Offenbach: „Mieter können grundsätzlich keinen Schallschutz verlangen. Das ist reine Verhandlungssache.“ Grundsätzlich müsse der Eigentümer einer Immobilie den Antrag auf Kostenerstattung beim Regierungspräsidium stellen. Sofortige Ansprüche bestehen bei einem nächtlichen Dauerschallpegel von mehr als 55 dB(A), bei Werten darunter erst ab 2016.

Allein: Wer einen privaten Vermieter hat, ist da noch im Glück, weil dieser sich wohl eher zu einer Modernisierung – unter eine solche fallen Schallschutzmaßnahmen – seines Hauses bereit erklären wird. Schwieriger ist das bei einigen Wohnungsbaugesellschaften. „Die verfügen über sehr rigide Richtlinien, sind nicht so flexibel“, berichtet Dieckhöfer, dem der eine oder andere Fall schon bekannt ist.

Doppelglasfenster, welche die aktuellen DIN-Normen erfüllen

Jens Duffner, Sprecher der Nassauischen Heimstätte (NH), der 3000 Wohnungen in Offenbach – auch im Lauterborn – gehören, bestätigt zwar: „Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema.“ Eine wirkliche Notwendigkeit sieht man dort allerdings nicht, verweist vielmehr auf bestehende Doppelglasfenster, welche die aktuellen DIN-Normen erfüllten. Mieter freilich beklagen, dass ihre Fenster teils 40 Jahre alt sind. Ob die NH, die mehrheitlich dem Land Hessen gehört und in der Vergangenheit schon nicht die Möglichkeit ergriff, beim neuen Schallschutz-Programm mitziehen wird, ist offen. „Bauphysiker prüfen das für jede einzelne Wohnung“, bleibt Duffner unverbindlich. Immerhin das Zugeständnis: „Der Fluglärm hat heute eine andere Qualität als früher.“

Nicht bereit zu handeln ist die NH auch dann, wenn Mieter sich bereit erklären, die Kosten selbst zu tragen. Aufgrund „unserer Verpflichtung zur Gleichbehandlung“, wie es heißt. Dieckhöfer vom Mieterbund beschreibt das vermeintliche Dilemma der Baugesellschaften: „Die wollen ihre Wohnungen schon aus verwaltungstechnischen Gründen identisch haben. Wenn sie irgendwo Schallschutz einbauen, dann überall.“ Kein Hindernis sieht darin die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach.

Alles zum Thema Fluglärm lesen im Stadtgespräch

Als ein Ort, der Ruhe und Geborgenheit schenkt, preist die zur Stadtwerke-Holding gehörende GBO ihre Wohnungen im Internet an. Ein Slogan, der verpflichtet. Entsprechend vorbildlich schreitet die Gesellschaft seit 2006 zur Tat: Sie erneuert Fenster im Zuge einer energetischen Sanierung an allen ihren 580 Gebäuden in der Stadt. „Wir nehmen die Fördermittel von Fraport in Anspruch“, betont der technische Prokurist Dirk Böttcher. Noch aufgrund des vergangenen Schallschutzprogramms von 2002 bis 2006 werden aktuell 178 Wohnungen am Europaplatz modernisiert. Eingebaut werden auch so genannte Schalldämm- beziehungsweise Fensterfalzlüfter.

„Fraport bezahlt nur für Schlaf- und Kinderzimmer, wir ersetzen auf eigene Kosten auch die Fenster in allen anderen Räumen“, so Böttcher. Lärmgeschützt sind die GBO-Wohnungen damit immerhin bis zu einem Wert von 39 dB(A) nach Schallschutzklasse 3, mit Schalldämpfern bis zu 41 dB(A). Allein auf dem Balkon ist der Frühling kaum genießbar.

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