Macht Fluglärm dümmer?

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Matthias Bollinger, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum Offenbach: „Das kindliche Gehirn entwickelt sich im Schlaf. Wenn dieser ausbleibt, können sich die Synapsen nicht vernetzen.“

Offenbach - Fluglärm geht auf die Nerven. Im wahren Sinne des Wortes. Fluglärm macht krank – auch die Kinder. Von Katharina Hempel

Das bestätigen am Dienstagabend vier Experten, die es wissen müssen: Peter Pastuch, Bewegungspädagoge und Berater des Hessischen Kultusministeriums, die Offenbacher Kinder- und Jugendärzte Dr. Matthias Bollinger (Klinikum) und Dr. Lutz Müller unterhalten sich beim Werkstattgespräch der Grünen mit dem Offenbacher Radiologen Dr. Hubert Braun über die Auswirkungen einer hohen Lärmbelastung auf die kindliche Entwicklung.

„Nichts für Kinderohren: der Fluglärm und seine Folgen“, lautet das Thema, mit dem die Sonnenblumen-Partei bei der Diskussion über die Flieger und ihr Dröhnen die Offenbacher Kinder in den Fokus rücken will. Dafür haben gut 20 Interessierte den Weg in die alte Fabrik im Isenburgring gefunden – keinesfalls nur Parteinahe. „Für uns war es eine Überraschung, dass wir über die Hälfte der Besucher nicht kannten“, freut sich Grünen-Geschäftsführer Ivan Greguric.

Konzentration und Leistungsfähigkeit leiden unter Fluglärm

Wichtigster Punkt an diesem Abend ist der Einfluss des Fluglärms auf die schulische Leistung des Nachwuchses. „Bei Erwachsenen bringt er das Herz-Kreislauf-System in Stress, bei Kindern wirkt sich Lärm auf anderer Ebene aus: Er setzt die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit herunter“, erläutert Hubert Braun, der das Gespräch moderiert.

Die Aussage kann Peter Pastuch nur bestätigen. Der Bewegungspädagoge gibt an, vor allem bei lärmbelasteten Kindern schulische Fehlleistungen und Lernschwäche beobachtet zu haben. Der Fluglärm, zusätzlich zum Alltagslärm, verändert die Merkfähigkeit. „Es ist aber Quatsch zu sagen, dass mehr Fluglärm dümmer macht“, schränkt er ein, „vielmehr sinkt dadurch die Motivation und damit die Leistung und das Ergebnis.“

Doch der Lärm aus den Triebwerken, den Airbus, Boeing und Co. über der Stadt verteilen, wird nicht nur im Unterricht zum Störfaktor. Er raubt auch den gesunden Schlaf. Laut Weltgesundheitsorganisation ist ein Geräuschpegel, der nachts über 30 Dezibel liegt, gesundheitsschädlich. „In Offenbach messen wir da 53 Dezibel“, sagt Hubert Braun.

Flugzeuge stören die Schlafphasen

Ob bewusst wahrgenommen oder nicht – zuviele Flugzeuge am Himmel stören die Schlafphasen. Pädagoge Pastuch: „Schlaf ist notwendig für die sensorische Entlastung. Diese empfinden Kinder aber nicht, wenn sie nicht in Ruhe die Nacht verbringen können.“ Das heißt: Kinder können durch die Störung der Schlafphasen die Eindrücke und Erlebnisse, die sie tagsüber gesammelt haben, nicht mehr „sauber abarbeiten“.

Was im Kinderkopf dabei genau vor sich geht, erklärt Matthias Bollinger, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums an der Offenbacher Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: „Bei Kindern ist das Gehirn, das elementarste Organ, noch nicht fertig gestaltet. Und bei mangelndem Schlaf können sich die Synapsen nicht vernetzen.“ Dabei beruft er sich auf Studien, die sehr gut untersucht haben, welche negativen Einwirkungen Lärm auf den menschlichen Organismus hat.

Lebensqualität erhalten

Die Zwischenfrage einer Zuhörerin, ob es auch konkrete Ergebnisse für den Fluglärm gebe, verneint Bollinger: „Ich meine, wir brauchen keine spezifischen Forschungsergebnisse zum Fluglärm. Zum Lärm an sich gibt es sehr viel gute Literatur, die durchaus übertragbar ist.“

Ein besorgter Vater möchte wissen, ob sich am Wochenende ein Ausflug in den Taunus lohnt, um seinen Sohn vom Lärmstress zu entlasten. „Das ist eine Illusion. Selbst vier Wochen Kur an der Nordsee helfen nichts. Sie müssen ja zurück“, erklärt Kinderarzt Lutz Müller. Stattdessen – da sind sich alle vier Experten einig – müsse das Umfeld der Kinder, dort, wo sie leben, gestaltet werden. Und zwar so, dass ihre Lebensqualität erhalten bleibt, ihre Spielplätze, ihre Natur.

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