Flugzeuge über Offenbach

Kritik an Lärmpausen

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Auch FDP-Chef Paul-Gerhard Weiß erkennt  nichts Gutes an den sogenannten Lärmpausen.

Offenbach - Es darf als Beruhigungspille verstanden werden, was die schwarz-grüne Hessen-Koalition als sogenannte Lärmpause verkauft. Von Martin Kuhn 

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir sagte zur gewählten Variante – die Neutralität der Fluglärmkommission wird als Zustimmung gewertet: „Wir entlasten Zehntausende insbesondere in Frankfurt und Offenbach.“ Sein grüner Parteikollege, Bürgermeister Peter Schneider, ist weniger euphorisch. Ein Lärmpausenmodell könne den Lärm lediglich verteilen, es senke ihn nicht. „Aus meiner Sicht muss jedoch alles getan werden, was tatsächliche Entlastung bringt. “ Mit dieser Sichtweise gehen sogar politische Gegner konform.

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Der FDP-Vorsitzende Paul-Gerhard Weiß, einst als Dezernent für den Flughafen zuständig, sieht die zur Erprobung vorgesehene Variante als „problematisch“ an. „Falls die in der Praxis überhaupt funktioniert, bekommen die nördlichen Stadtteile zwischen 22 und 23 Uhr zwar eine Pause, aber um den Preis einer kompensationslosen Mehrbelastung des Südens, wo der Verkehr gebündelt wird.“ Für die Rosenhöhe und benachbarte Stadtteile sehe keine Variante eine verlängerte Nachtruhe vor. Nach Auffassung von Weiß rechtfertigen die vorgelegten Modelle nicht ihr Etikett. „Eine längere Nachtruhe wird für die meisten nicht erreicht. Wo es gelingt, geht es zu Lasten anderer Hochbelasteter. Das kann nicht Sinn der Sache sein.“ Die Vorschläge seien nicht wirklich neu. Lärmpausen durch gezielte Bahnbelegungen seien unter den Bedingungen der rechtsgültigen Planfeststellung bekanntermaßen schwierig.

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Weiß fordert die Verantwortlichen auf, sich wieder anderen Themen des aktiven Lärmschutzes zuzuwenden. So sei es auch zur Realisierung von Lärmpausen wichtig, technische Voraussetzungen für den verkürzten Endanflug zu verbessern, damit die Maschinen nicht zwangsläufig einen langen Geradeausflug absolvieren müssten. Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Heike Habermann ist unzufrieden. Die Feststellung der Landesregierung, Offenbach sei Gewinner des von der Fluglärmkommission nicht gänzlich verworfenen Modells, könne man nur mit Sarkasmus kommentieren. „Mit einem ‚Neutralvotum‘ hat die Fluglärmkommission deutlich gemacht, dass keins der vorgeschlagenen Modelle das Ziel einer spürbaren Entlastung der Region erreicht.“

Die gewählte Variante führe zu einer rein rechnerischen Entlastung. „Aber nur bei Westwind und solange die für die Randzeiten von 22 bis 23 Uhr und 5 bis 6 Uhr genehmigten 133 Flugbewegungen nicht erreicht sind.“ Wer sich eine Lärmentlastung durch dieses Modell verspreche, müsse künftig im Sommer bei Freunden in Bürgel grillen und in Tempelsee übernachten. Was Offenbach helfen würde, wären ganztägige strikte Lärmobergrenzen. „Stattdessen haben wir die goldene Ananas gewonnen – denn Lärmpausen nach Modell 4 sind für die Belastung der Menschen letztlich irrelevant.“ Ihr Parteifreund, Stadtverordneter Martin Wilhelm, fragt: „Offenbach ist und bleibt benachteiligt bei den derzeitigen Lärmschutzmaßnahmen – wann wird sich das endlich ändern?“

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Die Bürgerinitiative Luftverkehr (BIL) geht noch weiter. Vorsitzende Ingrid Wagner: „Da die Lärmpausenmodelle letztlich nur eine Verschiebung von Lärm bedeuten, lehnen wir diese allesamt ab.“ Ihr Vorwurf: Die Landesregierung nehme bewusst eine Spaltung der Region in Kauf und schiebe die Einführung eines Nachtflugverbots von 22 bis 6 Uhr auf die lange Bank. Die Initiative macht zudem ein anderes Rechenmodell zu Variante 4 auf: „Am Morgen sind die Zahlen nahezu unverändert. Ausgehend von 103.300 Belasteten gibt es im Saldo 600 mehr Betroffene.“ Entsetzt zeigt sich die Siedlergemeinschaft Tempelsee: „Wir sehen uns nach wie vor nicht als Lärmschlucker der Region.“ Offenbachs Süden sei über Jahrzehnte von Fluglärm gequält worden. Jetzt scheint es wohl den Verantwortlichen leicht gefallen zu sein, nach einer Zeit der leichten Verminderung uns wieder verstärkten Fluglärm zuzumuten. „Das ist mehr als zynisch“, findet Siedler-Vorsitzende Gertrud Marx.

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