Wegen Fluglärm: Westend vorm Ausverkauf

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Mit Unterschriftenliste und Flyern: Nachdem sie jahrelang der Politik vertraut hat, kämpft Katja Werner nun engagiert gegen den Fluglärm.

Offenbach - „Bitte mitnehmen“, steht über den Anti-Fluglärm-Zetteln, die in einer oben offenen Klarsichthülle an dem schmiedeeisernen Zaun hängen. Von Matthias Dahmer

Der Zaun umgibt einen schmucken Altbau mit angrenzendem Garten im Westend – in einem Viertel, das bislang des Protestes eher unverdächtig war.

Katja Werner hat die Flyer ausgelegt. Der 21. Oktober, der Tag, als die Nordwestbahn in Betrieb genommen wurde und erstmals Flugzeuge teilweise im Minutentakt über das Westend donnerten, ist für sie das „Erweckungserlebnis“ gewesen, sagt sie. Bis dahin hat sie jahrelang darauf vertraut, dass die Landespolitik, dass ein Roland Koch Versprechen hält, dass das, was in Offenbach von engagierten Bürgern unter anderem gerichtlich angeleiert wurde, ausreichen wird. Sie hat als voll Berufstätige und Mutter zweier schulpflichtiger Kinder auf die „sachlich- fachliche Sicht“ gesetzt, formuliert die Diplom-Kauffrau, die in dem Altbau im Westend geboren und aufgewachsen ist. Mittlerweile empfindet sie wie die meisten ihrer Nachbarn jedoch nur noch „Ohnmacht vor der Übermacht von Politik und Wirtschaft“. Die packe aus wirtschaftlichen Überlegungen Dinge, wie etwa steilere Anflugverfahren, nicht an, die in Sachen Lärmminderung möglich seien.

Katja Werner ist zu der Überzeugung gelangt: „Jetzt geht es nur noch über die Mobilisierung der Massen.“ Deshalb hat sie immer Flyer und Unterschriftenlisten in ihrer Handtasche, spricht die Leute auf dem Wochenmarkt oder auch an der Kasse im Supermarkt an, deshalb hat die 49-Jährige gestern Abend bei der Montagsdemo auf dem Flughafen mitgemacht.

Kampf gegen den Fluglärm

Katja Werner klappt ihren Laptop auf, zeigt Bilder von lächelnden türkischen Müttern im Nordend. Was das mit ihrem Kampf gegen den Fluglärm zu tun hat, fragt sich ihr Gegenüber im Stillen. Am Ende der von ihr klug aufgebauten Argumentationskette wird er feststellen: eine ganze Menge.

Seit ihr Sohn studiert und die 13-jährige Tochter langsam selbstständig wird, engagiert sich die einstige Marienschülerin und BWL-Studentin für ihre Stadt. Macht mit bei Sozialprojekten wie „Stärken vor Ort“ oder der „Lesekarawane“, hat das Nordend-Café mit aufgebaut, betreut türkische Mütter und coacht Grundschullehrer. Dazu ist sie im Schulelternbeirat der Marienschule und in der Friedenskirche tätig.

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Stadtgespräch

„Solche ehrenamtlichen Aufgaben haben viele hier im Westend übernommen“, berichtet Katja Werner aus ihrem Viertel, das für sie so etwas wie „ein Dorf“ ist. Nur: Derzeit gibt es kein anderes Thema mehr als den Fluglärm. „Viele dieser Familien denken daran, Offenbach zu verlassen“, sagt sie. Alle blicken auf den März, wenn das Bundesverwaltungsgericht über Ausbau und Nachtflugverbot entscheidet. „Die Vorbereitungen für den Wegzug laufen“, verweist Katja Werner auf Immobilien-Portale im Internet, wo man sehen könne: „Offenbach steht vor dem Ausverkauf.“ Auch sie und ihre Familie haben schon mal mit dem Zirkel auf der Landkarte einen Radius von 100 Kilometern um Offenbach gezogen und überlegt, wo man im Fall des Falles hinziehen kann.

„Offenbach verslumt und steht vor dem Ausverkauf“

Sollte das Nachtflugverbot gekippt und weitere Maßnahmen zur Lärmminderung nicht umgesetzt werden, befürchtet sie, dass genau jene Familien Offenbach verlassen, die man in der Stadt braucht, die sich engagieren. „Dann rutscht das soziale Niveau weiter in den Keller, dann verslumt die Stadt.“

Der Offenbacher Politik stellt die spät berufene Fluglärm-Aktivistin angesichts deren Passivität kein gutes Zeugnis aus. Besonders das Verhalten von Oberbürgermeister Horst Schneider, der sich nicht genügend positioniere, findet sie „beschämend und verantwortungslos“. Dabei, meint Katja Werner, bräuchten die Offenbacher jetzt für ihren Protest so etwas wie eine Leitfigur.

Obwohl sie sich an „Verschwörungstheorien“ zum Ausbau nicht beteiligen will, stellt sich Katja Werner doch die Frage, wie sicher sich Fraport hinsichtlich der Planfeststellung sein muss, wenn die neue Landebahn vor dem Urteil in Betrieb genommen wird, wenn gar die Kanzlerin zur Eröffnung einfliegt.

So abwegig sind ihre Überlegungen nicht: Wird doch dem Vorsitzenden Richter am 4. Senat des im März urteilenden Bundesverwaltungsgerichts nachgesagt, er sei 2008 auf Betreiben von Roland Koch auf die Position gehievt worden.

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