Radtour mit Tarek Al-Wazir

Fluglärm-Checker beim „Faktencheck“

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Im Schweiße ihres Angesichts: Rund 40 Leute begleiten Tarek Al-Wazir bei seiner Radtour.

Offenbach - 40 Pedalritter haben sich am Aliceplatz aufgemacht, um herauszufinden, wie laut es am Himmel über Offenbach ist. Von Harald H. Richter

Trotz schweißfördernder Temperaturen oberhalb der 30-Grad-Marke wollen sie am Umweltradeln des bündnis-grünen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl und amtierenden Landesvorsitzenden seiner Partei, Tarek Al-Wazir, durchs Stadtgebiet teilnehmen. Sie sind neugierig aus erster Hand zu erfahren, wie hoch die Lärmbelastung durch den Flugverkehr in der Lederstadt wirklich ist. Denn der Politiker hat angekündigt, unterwegs an mehreren Haltepunkten der rund 25 Kilometer langen Strecke bis zu den Main Bars in Bürgel aktuelle Messungen vorzunehmen und sie mit denen des Deutschen Fluglärmdienstes, der Fraport und des Forums Flughafen vom April und Juli diesen Jahres zu vergleichen.

Am Aliceplatz wird wegen akustischer Einflüsse des gleichzeitig stattfindenden Bierfestes darauf verzichtet, nicht aber an vier folgenden Stationen. Gewiss sind es nur Momentaufnahmen, aber sie spiegeln den Ist-Zustand an einem beliebigen Samstag im Sommer wider, an dem man sich gemeinhin im Freien aufhält, um mit den Kindern zu spielen, zu baden, das Grillfest im Garten vorzubereiten oder im Liegestuhl zu entspannen. Wenn der Lärm nicht wäre.

Gegner der Erweiterung

Der 42-jährige Al-Wazir, Fraktionschef seiner Partei im Wiesbadener Landtag, gehört zu den entschiedensten Gegnern der Erweiterung des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens sowie der Aushöhlung des Nachtflugverbots. Die Forderungen kritischer Bürger sind in vielen wesentlichen inhaltlichen Punkten auch die seiner Partei, macht er im Meinungsaustausch mit den Tour-Teilnehmern deutlich.

Die Fluglärmbelastung im Rhein-Main Gebiet hat im Laufe der Zeit immer größere Ausmaße angenommen. „Zwar sind die Flugzeuge leiser geworden, das macht die Situation für die Menschen aber keineswegs erträglicher“, konstatiert er und erntet zustimmendes Kopfnicken. Jährlich 480.000 Flugbewegungen sind es in der Region, bis Ende dieses Jahrzehnts dürfte diese Zahl auf etwa 700.000 steigen, so eine Prognose. Für unverständlich hält er, dass in Frankfurt solche Verkehrsströme auf vier Start- bzw. Landesbahnen abgewickelt werden, während man in London-Heathrow in der Lage ist, die annähernd gleiche Anzahl auf zwei Pisten in die Luft bzw. wieder an den Boden zu bringen. „Kein anderer Flughafen als der unsrige leistet sich eine Piste, auf der nur gestartet wird, und selbst das nur in eine Richtung“, ärgert sich Al-Wazir seit Jahren über die Startbahn West.

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Auch an der neuen Nord-West-Landebahn lässt er kein gutes Haar, zumal nicht wenige Offenbacher durch sie direkt unter die Endanflugroute geraten sind. „Es gibt etliche Möglichkeiten der Exekutive für einen effektiveren Lärmschutz“, ist er überzeugt und verweist unter anderem auf Veränderungen in den Start- und Landeverfahren und eine deutliche Erhöhung der Landegebühren für Krachmacher. Solche Vorschläge harrten ihrer Umsetzung, würden aber bislang durch Widerstände aus der Luftverkehrswirtschaft blockiert. „Weder seitens des Flughafens noch der Landesregierung konnten wir Taten zu wirksamer Fluglärmminderung registrieren.“ Stattdessen würden Expertenrunden gebildet, ohne dass diese zu Nutzen bringenden Resultaten kämen.

„Wir fordern deshalb den Lärmschutz als Arbeitsvorgabe gleichrangig mit der Sicherheit des Flugverkehrs vor allen anderen möglicherweise konkurrierenden Interessen gesetzlich zu definieren“, macht Al-Wazir sich für die Flughafen-Anrainer stark. Dann wäre endlich eine Optimierung des Flugverkehrs unter dem Gesichtspunkt des Lärmschutzes rechtlich zwingend und könnte auch gerichtlicher Prüfung standhalten, definiert er die Haltung von Bündnis90/Die Grünen in dieser Frage.

Interview zur Landtagswahl mit Tarek Al-Wazir

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Tarek Al-Wazir im Interview mit op-online. Wir haben mit dem Spitzenkandidaten der hessischen Grünen über die kommende Landtagswahl gesprochen und wie er die Chancen seiner Partei einschätzt.

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Lärm als Krankmacher treffe besonders in Offenbach junge Menschen. 25 der 27 hiesigen Schulen dürften an ihren Standorten heute gar nicht mehr gebaut werden, weil sie in Siedlungsbeschränkungszonen lägen. Ähnlich verhalte es sich mit den meisten Kindertagesstätten, sagt Al-Wazir bei einem Halt an der Beethovenschule, einer Station seiner Radtour. Das nahe Klinikum oder auch die künftige Schule im neuen Hafen-Viertel wiederum lägen „haarscharf außerhalb davon“. Am Haltepunkt macht die Initiative Beethovenschule auf ihre Anliegen aufmerksam. Sprecher Hermann Gaffga nennt einige Stichworte: passiver Schallschutz, Ausweitung des Nachtflugverbots auf die Zeit von 22 bis 6 Uhr, paralleles Einfliegen, Lärmmessungen, Monitoring. Dazu hat die Initiative kürzlich Offenbachs Bürgermeister Peter Schneider (B90/Die Grünen) ein Papier vorgelegt und darin ein permanentes Monitoring seitens der Stadt eingefordert.

Gemessen wird während des Faktenchecks

Al-Wazir diskutiert engagiert, hört zu, greift Einwürfe auf. Gemessen wird auch während des Faktenchecks. So reckt sich seine und manch andere Hand gen Himmel, um mittels mitgebrachter Lärmpegelmessgeräte die aktuellen Werte an diesem Nachmittag herauszufinden. Vor der Beethovenschule sind es 68 dB im Durchschnitt und 73 dB als Spitzenwert (63/62 dB), am Waldschwimmbad-Standort Lauterborn/Rosenhöhe 76,2 dB im Mittel und 80,1 dB in der Spitze. An der Wetterstation Buchhügel zeigen die Messgeräte 69,5 dB und als Höchstwert 74,6 dB an, am Fuße des Aussichtsturms in Bieber werden 72,1 dB (54 dB) ermittelt. Bei den Werten in Klammern handelt es sich um die Messergebnisse, die im April und Juli ermittelt worden waren.

Einiges von dem, was bei der Radtour zur Sprache gekommen ist, will Al-Wazir aufgreifen und bei seinem für Anfang dieser Woche vorgesehenen Gespräch mit dem Vorstand der Deutschen Flugsicherung in Langen vortragen. Zur gleichen Stunde, da der Grünen-Politiker dies ankündigt, wird von dort bekannt, dass die DFS bis 2019 jede zehnte Stelle abzubauen plant. Hintergrund der Sparmaßnahme des bundeseigenen Unternehmens sind die geringen Verkehrszahlen im Flugverkehr und die dadurch rückläufigen Umsätze der Flugsicherung. Die Verkehrszahlen liegen nach Angaben von Vorstandschef Klaus-Dieter Scheurle rund elf Prozent unter Plan.

Menschenkette gegen Fluglärm in Offenbach

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