Produktivitätsverluste

Fluglärm schädigt Wirtschaft in der Region

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Offenbach - Es ist ein bislang zu kurz gekommener Aspekt der Fluglärm-Diskussion: Die Auswirkungen des Lärms auf die Produktivität von Arbeitnehmern in der Region. Von Matthias Dahmer

Hans Schinke von der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL) hat in einem provokanten Papier auf Basis bekannter Zahlen und konservativer Prognosen herausgearbeitet und gestern vorgestellt, was aufhorchen lässt: Demnach ist die regionale Wirtschaft nicht nur Profiteur des Flughafens. Ihr entstehen langfristig durch Fluglärm Milliardenverluste.

Schinke rechnet vor: Geht man von einer fluglärmbedingten Leistungsminderung von nur fünf Minuten an einem Acht-Stunden-Arbeitstag bei allen unter dem Fluglärm leidenden Arbeitnehmern der Region aus, so summiert sich der jährliche Wertschöpfungsverlust auf nahezu 92 Millionen Euro. Würde man eine Leistungsminderung von 15 Minuten pro Arbeitstag zugrunde legen, wie sie laut Schinke vor einigen Jahren bei Rauchern ermittelt worden sei, käme man auf Verluste von 275 Millionen Euro – pro Jahr.

Mit vorsichtigen Schätzwerten operiert

Hans Schinke hat die fluglärmbedingten Produktivitätsverluste errechnet.

Der diplomierte Soziologe und Volkswirtschaftler, der 17 Jahre lang Personalchef bei den Stadtwerken Mainz war und in seinem Ruhestand ehrenamtlich unter anderem bei der gemeinnützigen Unternehmensberatung Pro Fund tätig ist, räumt ein, dass er zum Teil mit vorsichtigen Schätzwerten operiert hat. Doch letztlich spiele es keine Rolle, ob die fluglärmbedingten Produktivitätsverluste in den nächsten zehn Jahren bei einer oder drei Milliarden lägen. „Es reicht die alarmierende Feststellung aus, dass der regionalen Wirtschaft durch den permanenten, flächendeckenden und weiter ansteigenden Fluglärm Schäden durch Wertschöpfungsverluste ein Milliardenhöhe entstehen“, sagt Schinke. Er weiß aber auch: „Das Thema ist bei Unternehmerverbänden und Industrie- und Handelskammern noch nicht angekommen.“ Wohl auch deshalb, darüber ist er sich im Klaren, weil die Materie zu den „bislang monetär nicht bewertbaren Fluglärmschäden“ zählt.

Versuche, diese Schäden in Zahlen zu fassen, gibt es bisher nur bei den sozialen und gesundheitlichen Folgen des Fluglärms. So zitiert Schinke aus einem Bericht des Bundesumweltamts von 2012, wonach sich die Kosten für die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen rund um den Frankfurter Flughafen bezogen auf zehn Jahre auf 400 Millionen Euro belaufen. Die sozialen Kosten des Lärms in der gesamten EU werden mit 40 Milliarden Euro pro Jahr beziffert.

„Steuer für fluglärmbedingte Produktivitätsschäden“

Seine Forderungen, die der Fluglärm-Aktivist aus den Ergebnissen ableitet, sind so kühn wie folgerichtig: Die regionale Wirtschaft müsse für die entstehenden Wertschöpfungsverluste per Gesetz in Hessen und dem ebenfalls betroffenen Rheinland-Pfalz entschädigt werden. Eine degressiv gestaltete „Steuer für fluglärmbedingte Produktivitätsschäden“ schlägt Schinke vor. Mit zunächst 100 Millionen Euro pro Jahr orientiert sie sich am jährlichen Wertschöpfungsverlust bei einer täglich fünfminütigen Leitungsminderung in Höhe der genannten 91 Millionen.

Flughafenbetreiber Fraport und Luftverkehrswirtschaft müssten aber auch für die unbestreitbaren Gesundheitsschäden gerade stehen. Auch da halten Schinke und die BIL eine Steuer für angebracht – einen Euro pro Tag und betroffenen Einwohner. Bei mehr als 500 000 Fluglärmgeschädigten in der Region Rhein-Main sowie in Mainz und den Landkreisen Mainz-Bingen und Alzey-Worms käme das auf 185 Million Euro im Jahr.

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Der Fraport AG würde das, auch da hat Schinke nachgerechnet, die Bilanz verhageln. Das Konzernergebnis drehe sich von plus 251 Millionen auf minus 33 Millionen. Um das zu vermeiden, werde Fraport die Kosten vermutlich auf die Airlines umlegen. Folge: Die Flüge würden teurer und damit vielleicht weniger. „Für 19 Euro nach Irland fliegen, das wäre dann nicht mehr möglich“, sagt Hans Schinke.

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