Fluglärm verändert die Stadt

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Zugegeben: Ganz so tief wie auf unserer Fotomontage fliegen sie nicht über der Innenstadt. Dennoch: Der Fluglärm, von dem die City bislang weitgehend verschont wurde, ist besonders in schlecht gedämmten Altbauwohnungen unerträglich geworden.

Offenbach - Dass es lauter werden würde, hatten viele vorausgesagt. Dass es nun so laut ist, übertrifft bei den meisten die schlimmsten Befürchtungen. Von Matthias Dahmer

Knapp zwei Wochen ist die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens erst in Betrieb, die dramatischen Folgen für Offenbach zeichnen sich schon jetzt ab.

Verhängnisvoll für die Stadtentwicklung ist vor allem: Nicht wenige, die es sich leisten können und die man eigentlich gerne unter anderem als Steuerzahler hier halten würde, werden die Stadt verlassen oder spielen zumindest mit dem Gedanken, aus Offenbach wegzuziehen.

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Einer von denen, die es nicht mehr aushalten, ist Michael Gersch. Vor fünfeinhalb Jahren ist er ins Westend gezogen, das bislang wie die übrige Innenstadt noch nicht so viel Fluglärm zu verkraften hatte. Die Dachgeschosswohnung - Balkon, zweite Reihe der Ludwistraße, Nähe Bahndamm - habe ihm auf Anhieb gefallen, sagt Gersch, der in Frankfurt arbeitet. Davon, dass er sich in Offenbach wie bisher wohl fühlt, kann nun keine Rede mehr sein. „Ein Alptraum, das ist keine Lebensqualität mehr“, kommentiert er die Tatsache, dass die Flieger auf der neuen Einflugschneise direkt über seine Wohnung donnern. „Eine Bedrohung von 70 bis 80 Dezibel möchte ich meiner Gesundheit nicht zumuten. Deshalb habe ich beschlossen, es reicht. Ich werde aus Offenbach wegziehen“, sagt Gersch, der auf seinen Blutdruck achten muss. Und er ist sich sicher: „Ich bin bestimmt nicht der einzige, der die Stadt nun verlassen wird.“ Eine Nachbarin von ihm, so berichtet er, habe ihre Wohnung bereits zum Verkauf annonciert. Michael Gersch hat nächsten Samstag erstmal einen Termin beim Hörgeräteakustiker. Er lässt sich für 80 Euro Silikon-Ohr-stöpsel anpassen.

Eine, die sich noch nicht endgültig entschieden hat, ist Sibylle Bosshammer. Seit sechs Jahren wohnt die junge Frau auf rund 100 Quadratmetern in einem Altbau an der Bahnhofstraße. Im Drei-Minuten-Takt höre sie nun die Flugzeuge, an ein Schlafen bei offenem Fenster sei nicht mehr zu denken. „Ich warte jetzt noch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im März ab“, sagt die in Frankfurt tätige Wahl-Offenbacherin. Sollte das Nachtflugverbot aufgehoben werden, wovon sie ausgeht, werde sie wieder nach Frankfurt ziehen, sagt sie. „Dann muss der Herr Schneider auf einen weiteren Steuerzahler verzichten.“

Mehr Lärm durch neue Landebahn

Die Einschätzung der lärmgeplagten Anwohner wird im Rathaus geteilt. „Es ist sehr viel lauter geworden“, sagt Stadtrat Paul-Gerhard Weiß. Vor allem in der Innenstadt und im Westend müsse man nun damit leben, dass an 365 Tagen im Jahr Fluglärm zu hören sei. Bislang, so Weiß, hätten die Anwohner dort nur bei Ostwind den Krach startender Flugzeuge abbekommen. Nun kämen täglich rund 350 die neue Nordwestbahn anfliegende Maschinen hinzu. Und das solle im Laufe der Zeit auf 500 Flugzeuge pro Tag gesteigert werden. „Dass das eine ganz negative Entwicklung wird, war uns schon immer klar“, so Weiß, „aber wir drehen nicht bei und werden alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.“ Unter Umständen, so Offenbachs Flughafendezernent, gehe man bis vors Bundesverfassungsgericht.

Obwohl der Ort nicht direkt unter der neuen Einflugschneise liegt, nehmen auch die Belastungen in Bürgel zu. „Der Fluglärm ist mit der neuen Landebahn sehr viel lauter geworden“, schreibt Antje Laute.

Das Schlimmste sei, dass man bei Westwind jeden Morgen um 5 Uhr mit der ersten landenden Maschine aus dem Schlaf gerissen werde, dass man nicht mehr im Garten Entspannung finden könne und tagsüber die Fenster schließen müsse. „Unvorstellbar, wie es denen gehen muss, die direkt unter der Einflugschneise leben.“ Die Bürgelerin ist trotzdem überzeugt: „Wir können mit gemeinsamem Widerstand mehr erreichen, als die meisten glauben. Dazu wünsche ich mir noch mehr Initiativen auch von politischer Seite.“

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