Flugpassagiere sind meistens ahnungslos

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„Mich erinnert das sehr stark an Debatten um Asbest oder militärische Radaranlagen.“

Offenbach - Wenn es um das Thema „Nervengift TCP in der Kabinenluft“ geht, wird Markus Tressel richtig deutlich. Der Tourismusexperte in der Grünenfraktion im Bundestag in Berlin: „Die Bundesregierung meint, einzig die EU sei zuständig.“ Von Peter Schulte-Holtey

Dabei sind auch die deutschen Behörden gefragt. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hat das erkannt. Im Verkehrsausschuss des Bundestags musste er in der vergangenen Woche zusammen mit SPD-Parlamentariern eine herbe Niederlage einstecken. Erneut sind sie mit ihrer Forderung nach einer wissenschaftlichen Untersuchung von Meldungen, dass Atemluft in Flugzeugen mit giftigen Öldämpfen aus den Triebwerken belastet sein könnte, an der Ausschussmehrheit gescheitert. „Die Koalition wirft uns Panikmache vor, während sie gnadenlos verharmlost. Damit diskreditieren Union und FDP auch die Vereinigung Cockpit und zahlreiche ernstzunehmende Wissenschaftler“, meint Tressel.

Flugbegleiter und Piloten berichten immer wieder über akute Beschwerden während des Fluges, aber auch über schwere chronische Erkrankungen, das „aerotoxische Syndrom“. Ein ernstes Problem, so die Ansicht der Gewerkschaften.

Wie oft es zu diesen „Zwischenfällen“ kommt, ist umstritten. Fest steht aber, dass Fluggesellschaften Passagiere nicht immer über solche Vorfälle aufgeklärt haben. Sie rätseln also weiter darüber, ob der Geruch nach Öl oder Kerosin kurz nach Start der Triebwerke doch gefährlich ist. Viele Fluggäste fragen sich: Steckt hinter dem nasalen Erlebnis nun ein Gesundheitsskandal in der zivilen Luftfahrt oder bloß ein harmloses Hirngespinst einiger Empfindlicher?

„Wir fordern umgehend Filtersysteme zu entwickeln und einzubauen“

Wie sehr es zumindest dem Kabinenpersonal auf den Nägeln brennt, macht Martin J. Locher, Vorstand bei der Pilotengewerkschaft Cockpit, deutlich: „Grundsätzlich fordern wir, umgehend Filtersysteme zu entwickeln und einzubauen, um das Problem technisch zu verhindern. Auch wenn es momentan kein ,einbaufertiges System gibt, sind nach unseren Informationen die technischen Möglichkeiten vorhanden.“ Darüber hinaus geht die Pilotenvertretung davon aus, dass es zusätzlich zu einer effektiven Filtertechnik erforderlich ist, ein verlässliches Warnsystem in die Flugzeuge einzubauen. Dadurch könnten die Piloten in akuten Fällen die entsprechenden Maßnahmen einleiten und eine Gefährdung von Passagieren und Besatzung vermeiden. Handlungsbedarf sieht auch Arne von Spreckelsen von der Gewerkschaft Verdi. Er erinnert an die Fürsorgepflicht für die Mitglieder, für alle Menschen, die in der Kabine und am Boden arbeiten, für die Techniker, aber auch für die Fluggäste. „Wir brauchen eine deutsche Studie zu dem Problem; die würde auch von Politikern in Berlin akzeptiert.“

Unterstützung bekommen Gewerkschaften von der Opposition im Bundestag

SPD und Grüne drängen auf umfangreiche Prüfungen. Parlamentarier Tressel: „Wir wollen, dass nach heutigem Stand der Forschung getestet wird. Und am besten einigt sich ein Expertengremium, bei denen Arbeitnehmer auch genug Mitspracherecht haben, auf die genaue Durchführung eines solchen Tests. Das sollte doch eigentlich im Interesse aller sein.“ Zu den bislang vorliegenden Studien meint Tressel: „Es gibt viele. Aber entweder bestehen Zweifel an der Unabhängigkeit oder am Testverfahren. Das norwegische Staatsinstitut für Arbeitsumwelt wies beispielsweise das Nervengift TCP bereits im Normalbetrieb nach.“

Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty setzt auf Entwarnung: „Es existieren keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse, wie hoch während einer Triebwerksstörung die Schadstoffkonzentration in der Kabinenluft ist, welche Substanzen vorkommen und ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen Dämpfen und Erkrankungen gibt.“ Nach seinen Angaben haben internationale Studien der vergangenen zehn Jahre keine Erkenntnisse geliefert, die eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch TCP in Flugzeugkabinen belegen. Laut britischer Untersuchungen sei die Zahl neurologischer Erkrankungen bei Flugpersonal zu gering, um daraus eine eindeutige Aussage über den Zusammenhang mit einer beruflichen Schadstoffexposition in Flugzeugen abzuleiten. 2008 haben in einer Studie 21 von 20 000 Berufspiloten in Großbritannien über Beschwerden geklagt, so Lamberty.

Der Grünen-Abgeordnete Tressel lässt aber nicht locker: „Mich erinnert das hier doch sehr stark an die Debatten um Asbest oder militärische Radaranlagen. Die Luft wird an Triebwerken entnommen, bei dem giftige Öle eingesetzt werden. Erstaunt es da wirklich noch, dass es zu Gesundheitsrisiken kommen kann?“

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