Offenbacher Buchpreisträger

Frank Witzel: Prophet gilt in der Stadt

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Frank Witzel präsentiert in Frankfurt seinen frisch ausgezeichneten Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

Offenbach - In Offenbach, wo er wohnt, ist Frank Witzel kaum bekannt. Über die Zuerkennung des Deutschen Buchpreises an den 60-jährigen Schriftsteller herrscht dennoch helle Freude und ein Stück Stolz im örtlichen Buchhandel und im Rathaus. Von Markus Terharn 

„Das ist der Anschluss von Frank Witzel“, meldet sich der Anrufbeantworter. „Sie können nach dem Signalton gerne eine Nachricht hinterlassen. Vielen Dank.“ Seine Stimme klingt etwas müde – als hätte der Mann geahnt, wer ihn am Morgen danach alles erreichen möchte. Ans Festnetz ist der überraschend mit dem Deutschen Buchpreis Geehrte jedenfalls nicht zu bekommen, in seiner Wohnung an der Karlstraße nicht zu erreichen.

Dafür ist Helma Fischer rasch am Apparat. Die Inhaberin der Steinmetz’schen Buchhandlung kennt Witzel zwar nicht persönlich. Wohl aber das preisgekrönte Werk mit dem schönen, langen Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. „Sehr interessant“, urteilt die professionelle Vielleserin. Sie habe schon etliche Exemplare verkauft. Als „genuiner Offenbacher“ sei ihr der gebürtige Wiesbadener indes nie vorgekommen: „Er ist kein Heimatautor.“

Um Witzel in seiner Wahlheimat bekannt zu machen, „werde ich versuchen, ihn zu einer Lesung in Offenbach zu bewegen“, verspricht Fischer. „Am liebsten in Zusammenarbeit mit dem Buchladen am Markt im Bücherturm der Stadtbibliothek.“ Heute weilt die Händlerin sowieso auf der Buchmesse in Frankfurt; da will sie den Stand des Verlags Matthes & Seitz aufsuchen. Dass die Würdigung an einen kleinen Verlag, nicht an einen der Großen der Branche geht, wertet sie übrigens als hoffnungsvolles Zeichen.

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Die Bekanntgabe des Siegers am Montagabend verfolgte Fischer via Livestream. Sie hatte die Namen der sechs Kandidaten auf dem PC-Bildschirm. Gleich nach der Nennung des Gewinners versuchte sie, seinen Roman nachzubestellen. Erfolg: null. Und die zwei Stück, die sie vorrätig hatte, waren gestern um 9.35 Uhr weg, fünf Minuten nach Geschäftsöffnung.

Im Buchladen am Markt hat sich Andrea Tuscher mit fünf Bänden eingedeckt, von denen gestern Mittag einer noch da ist. Neue gibt’s ab 20. Oktober. Ihre Erfahrung mit dem seit seinem Erscheinen im Frühjahr bei ihr glänzend gehenden Wälzer: „Die wenigsten wissen, dass der Verfasser Offenbacher ist.“ Nur einige sagten: „Der lebt ja um die Ecke!“ Bei der Lesung aller Shortlist-Autoren im Literaturhaus Frankfurt hat Tuscher einen guten Eindruck von Witzel gewonnen.

Zu den Gratulanten zählt Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider. Der Roman greife eine wichtige und prägende Zeit der deutschen Geschichte auf, schreibt er. Neu sei nicht das Thema RAF, sondern die Sicht eines Teenagers. Dessen Bild der Bundesrepublik setze bei damals Zehn- bis 20-Jährigen Erinnerungen und Emotionen frei. Der OB wünscht Witzel „viele aufmerksame Leser“.

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