Gewichtig, aber gänzlich unbeschwert

Frank Witzel: Über Nacht ein Star der Literaturszene

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Autor Frank Witzel

Frankfurt/Offenbach - Seit er im Oktober mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, steht die Welt für den in Offenbach lebenden Schriftsteller Frank Witzel nicht mehr still. Nun las er im Literaturhaus Frankfurt. Von Stefan Michalzik

Der Umfang seines Buches „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist natürlich immer ein Thema, gleich wo Frank Witzel in Erscheinung tritt. Auch Alf Mentzer, der kundig durch diesen Abend im Literaturhaus führt, stellt die das Maß sprengende Stärke von achthundert Seiten in den Mittelpunkt seiner einleitenden Bemerkungen. Als der Roman auf der Shortlist für den Buchpreis aufgetaucht sei, gestand der hr2-Moderator ein, habe er mit seiner Prognose falsch gelegen. Da dieses dicke Buch einen guten Verkauf nicht verspreche, habe er gedacht, würden die Buchhändler es nicht mögen, deshalb werde der Autor wohl leer ausgehen.

Praktisch über Nacht ist Witzel nun aber zu einem Star der Literaturszene geworden - und das Buch verkauft sich prächtig. Schon sind die Filmrechte angefragt. Witzel: „An den Film glaube ich noch nicht ganz“. Dürfte gleichwohl kommen. Einer Bearbeitung für das Theater entgeht heute sowieso kein literarischer Erfolg mehr: Armin Petras wird das an der Berliner Schaubühne machen, gemeinsam mit dem Staatstheater Stuttgart. Der Bayerische Rundfunk produziert ein Hörspiel, und gerade ist ein Hörbuch herausgekommen, der Autor liest selbst. 760 Minuten auf zehn CDs. Die trotzdem gerade mal ein Drittel des Romans enthalten.

Im Gespräch ist der Sechzigjährige ausgesprochen humorvoll, und er ist ein erstklassiger, wirkungsvoll zurückhaltender Interpret seiner Texte. Sein Buch steckt voller Humor an allen Ecken und Enden. Gleich dem Autor ist der Teenager in den sechziger Jahren im Wiesbadener Stadtteil Biebrich aufgewachsen. Jahrgang 1955 - das hieß laut Witzel: für die Studentenbewegung zu jung und später zu alt für den Punk.

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Viele Lacher erntet Witzel gleich für die cowboy- und indianerspielhafte Szene des Eingangs. An einem Tag im Januar wird der Teenager in seiner Vorstellung zusammen mit Freunden der erfundenen Terrorgruppe als Fahrer eines Kleinwagens Typus NSU Prinz von der Polizei verfolgt, samt Kugelhagel. In einer amüsierend haarkleinen Präzision führt der Autor PS-Zahl und maximale Geschwindigkeit rasanterer Fahrzeuge und die ungleich bescheidenere des NSU auf.

Dieser Abend hat Witzels Auffassung bestätigt, man könne praktisch an jeder Stelle seines Buchs mit Gewinn einsteigen, trotz der mannigfach zerklüfteten Struktur. Es lässt sich nämlich ganz ohne Beschwerlichkeit lesen.

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