Deutsch-Französische Freundschaft

Français auch am Stammtisch

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Autorenlesung an der Rudolf-Koch-Schule: Jean Marc Mathis arbeitet mit Schülern zu seiner Geschichte „Cinq, six bonheurs“. Der Text wurde zuvor im Unterricht gelesen.

Offenbach - Frankreich ist anders. Seine Lebensart, sein Essen, sein Selbstverständnis – dafür bewundern viele Deutsche ihren westlichen Nachbarn. Andere können mit Frankreich gar nichts anfangen – aus ähnlichen Gründen. Von Veronika Szeherova

Politisch wurde die „Erbfeindschaft“ der Deutschen und Franzosen vor 50 Jahren mit dem Élysée-Vertrag aufgehoben. Seitdem ist sie mal mehr, mal weniger im Alltag angekommen, die Deutsch-Französische Freundschaft.

Im historisch von den Hugenotten geprägten Offenbach wird sie vielerorts aktiv gelebt – etwa beim Deutsch-Französischen Stammtisch, dessen „Schwätzabende“ bei einem Glas Wein jedes Mal ein breites Publikum anlocken. „Es kommen Menschen mit ganz unterschiedlichem Alter und Interessen“, berichtet Initiatorin Heide Uhl. Neben einem Stammpublikum kämen immer wieder neue Leute, die sich für Sprache, Land und Kultur interessierten. „Es sind sehr schöne, harmonische Treffen.“ Die Französisch-Dolmetscherin gründete den Club 1984. Seitdem haben frankophile Menschen die Möglichkeit zum Austausch auf Deutsch und Französisch. In den Anfangsjahren trafen sie sich passenderweise am Französischen Gässchen. „Nach einigen Stationen haben wir Asyl bei der Vhs gefunden“, erzählt Uhl.

Landesinfos locken die Urlauber

An Interesse an den Veranstaltungen habe es nie gemangelt: „Man ist nicht gebunden wie bei einem festen Sprachkurs. Jeder kann kommen, wann er möchte. Das gefällt den Leuten.“ Die Themen reichen vom politischen System in Frankreich über bedeutende Franzosen bis zu Landesinfos, die vor allem Urlauber anlocken. „Einige haben feste Feriendomizile in Frankreich“, so Uhl. Von Seiten der Deutschen beobachtet sie „komplette Barrierefreiheit zum Nachbarn“.

Das sieht auch die aus der Champagne stammende Übersetzerin und Kulturjournalistin Suzanne Bohn so, die seit 25 Jahren Vorträge beim Offenbacher Stammtisch hält: „Den deutsch-französischen Pakt nehmen vor allem die Deutschen sehr ernst, in Frankreich wissen viele gar nichts davon.“ Von Seiten der Franzosen gebe es nach wie vor Ressentiments, das Bild vom „bösen Deutschen“ sei noch präsent. „Die Fußball-WM 2006 hat dazu beigetragen, dieses Bild ein wenig zu ändern. Es war gut, wie sich die Deutschen da gezeigt haben“, sagt Bohn, die 1970 der Liebe wegen nach Deutschland gekommen ist.

„In Frankreich würde niemand zu einem Vortrag über berühmte Deutsche kommen“

So hat sie Erfahrung mit beiden Nationalitäten gesammelt und findet: „Die Deutschen haben sich entwickelt wie keine andere Nation, sie sind bereit, sehr viel für ihr Image zu tun. Die Franzosen dagegen wachsen in dem Gefühl auf, dass sie sowieso von allen bewundert werden, nur weil sie Franzosen sind. Sie lernen schon in der Schule, stolz darauf zu sein.“ Bohn ist überzeugt davon, dass sie mit der Arbeit, die sie in Deutschland leistet, in Frankreich nicht weit käme. „Dort würde niemand zu einem Vortrag über berühmte Deutsche kommen.“

Trotz des weltweiten Siegeszugs der englischen Sprache ist Französisch immer noch „en vogue“. An jedem Offenbacher Gymnasium wird es als zweite Fremdsprache angeboten, an der Rudolf-Koch-Schule sogar wahlweise als erste. Eine solche Französischklasse kommt in jedem Schuljahr zusammen. „Es ist ein Alleinstellungsmerkmal unserer Schule, wird immer angefragt“, sagt Fachbereichsleiterin Sabine Blau.

Kinder, die zuerst Französisch lernen, sind auch besser in Englisch

Sie verheimlicht den Eltern nicht, dass Französisch die schwierigere Sprache als Englisch ist. Doch gerade darin liege der Vorteil: „Kinder, die mit Französisch anfangen, sind am Übergang in die Oberstufe auch besser in Englisch.“ In der Unterstufe würden sich Kinder leichter tun, die komplexen französischen Formen zu erlernen, als später in der Pubertätszeit. „Es ist eine sehr komplexe Sprache, die ein sehr genaues Lernen erfordert.“ Wer das früh beherrsche, sei motiviert über die Mittelstufe hinaus. „In der fünften Klasse ist der Unterricht aber noch sehr spielerisch, es wird gesungen und mit Handpuppen gespielt.“

Für Viertklässler besteht von November bis Februar die Möglichkeit, mit ihren Eltern im Französischunterricht zu hospitieren. „Viele Schüler entscheiden sich dann ganz bewusst für Französisch“, weiß Blau. Es sei jedoch auch ausschlaggebend, für welche Sprache sich die Freunde entschieden – und letztlich die Eltern. „Wir haben Eltern, die selbst sehr frankophil sind und ihr Kind gezielt an unsere Schule schicken.“ Außerdem bietet die Rudolf-Koch-Schule regelmäßig Austausch mit zwei Schulen in Frankreich an, Vorlesewettbewerbe in französischer Sprache und Aktionen wie beispielsweise Lesungen mit französischen Autoren.

Deutsch-französische Freundschaft an Schulen

Aktionen, Lesungen und Austausche bieten auch Leibniz- und Albert-Schweitzer-Schule an. Zudem besucht eine deutsch-französische Theatergruppe alle zwei Jahre die Albert-Schweitzer-Schule und führt ein Stück auf, bei dem Schüler mitmachen dürfen. Schüler, die besonders gute Leistungen in Französisch erzielen, können den Kurs „ASSpecial Französisch“ besuchen, in dem sie ihre Kenntnisse vertiefen und nach persönlichen Interessen mit der Sprache arbeiten. Zudem nehmen sie an Wettbewerben teil.

Leibnizschüler fahren in der achten Klasse nach Straßburg, nehmen am französischen Kinofestival „Cinéfête“ teil. Die AG „FaN“ (Französisch am Nachmittag) eröffnet einen spielerischen Zugang der sechsten Klassen zu französischer Literatur und Musik. Außerdem gibt es für Schüler mit Nachholbedarf das „Lernbüro Französisch“.

Offenbach Vorreiter in Sachen Städtepartnerschaft

Offenbach ist Vorreiter in Sachen Städtepartnerschaft – und zwar mit Frankreich. Die Partnerschaft mit Puteaux wurde bereits 1955 begründet. Ein Jahr später sind die beiden Städte als Pioniere der Städteverschwisterung vom Europarat in Straßburg mit einem Preis ausgezeichnet worden. Die Partnerstadt Puteaux besitzt zwei Feriendörfer, eins in der Bretagne, eins auf Korsika. Für Offenbacher Bürger stellt sie jährlich ein gewisses Kontingent an Plätzen zur Verfügung. Ein preisgünstiger Urlaub für frankophile Offenbacher.

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