Fraport-Chef am Pranger

Offenbach - Es kam, wie es kommen musste, wenn sich der Fraport-Chef ins fluglärmgeplagte Offenbach wagt: Lautstark ist Stefan Schulte am Dienstagabend vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) begrüßt worden. Von Marc Kuhn

Ausgerüstet mit Trillerpfeifen, Tröten und Vuvuzelas sorgten die etwa 200 Gegner des Flughafenausbaus für ohrenbetäubenden Lärm. Auf Plakaten forderten sie die Schließung der Nordwestbahn. „Kein Flugzeug-Krach in Offenbach“ und „Fraport Lärmmaschine“ stand beispielsweise auf Schildern. Die Polizei hatte die Frankfurter Straße teilweise gesperrt. Sie musste dem Dienstwagen des Vorstandsvorsitzenden des Flughafenbetreibers Fraport den Weg in die Garage frei machen. Die IHK hatte Schulte zu ihrer Diskussions-Veranstaltung Offenbacher Dialog eingeladen. Er sollte zum Thema „Metropolregion Rhein-Main - wie viel Globalisierung können und wollen wir uns leisten?“ sprechen.

Alles zum Thema Fluglärm lesen Sie im Stadtgespräch

Schulte versuchte bei seinem Vortrag zwar, die neue Landebahn am Flughafen zu rechtfertigen, allerdings schlug ihm auch in der IHK der Unmut der Offenbacher Bürger entgegen. „Der Ausbau hängt viel mit Globalisierung zusammen“, sagte Schulte. So könnten internationale Wirtschaftsräume genutzt werden. „Das ist es auch, was Offenbacher Unternehmen machen.“ Für den deutschen Wohlstand sei der Weltmarkt entscheidend. Ohne ihn gäbe es viele Jobs auch in Offenbach nicht. Schulte betonte zudem, viele Unternehmen würden sich „wegen der hervorragenden Infrastruktur“ in der Region ansiedeln.

„Wir wissen sehr wohl um die Betroffenheit“, erklärte der Fraport-Chef an die Adresse der aufmerksam zuhörenden Bürger. Sein Vortrag wurde von zahlreichen Zwischenrufen unterbrochen. „Für jeden Betroffenen ist jedes Lärmereignis ein Schreck, ein Terror“, hielt ihm ein Zuhörer entgegen. Schulte sagte in seinem Beitrag: „Wir haben nicht mehr Lärm.“ Es gebe eine andere Verteilung des Lärms in der Region. „Insgesamt sind es mehr Flüge und mehr Lärm“, hieß es aus dem Publikum. Und auch IHK-Präsident Alfred Clouth erklärte, dass die Bürger in Offenbach deutlich mehr Lärm aushalten müssten.

„Nachts ist es ruhig“

Schulte verwies auf Maßnahmen, mit denen die Auswirkungen des Flughafenausbaus abgemildert werden sollen: Millionen für Schallschutz, Anhebung der Gegenanflüge bei Ostbetrieb, Erhöhung des Anflugwinkels für die Landebahn Nordwest - der Fraport-Chef konnte die Gemüter nicht beruhigen. „Warum können sie nicht zugeben, dass sie mit dem Ausbau einen gravierenden Fehler gemacht haben?“, hieß aus dem Publikum beispielsweise.

„Sie hören stärker Fluglärm, weil sie stärker sensibilisiert sind“, meinte Schulte. Darüber hinaus betonte er, dass es im Rhein-Main-Gebiet Regionen gebe, die stärker von Fluglärm betroffen seien als Offenbach. Als Beispiel nannte Schulte den Frankfurter Süden.

Er verteidigte zudem die Ausnahmen vom Nachtflugverbot, die in den vergangenen Wochen für Verärgerung in der Region gesorgt hatten. „Wir brauchen Ausnahmegenehmigungen.“ Vor der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig für die Nachtruhe zwischen 23 und 5 Uhr habe es jede Nacht 40 bis 50 Flüge und verspätet ankommende Maschinen gegeben. Von November bis zum jetzigen Zeitpunkt habe es durchschnittlich zwei Verspätungen pro Nacht gegeben. „Nachts ist es ruhig“, sagte Schulte.

Fluglärm schränkt die Lebensqualität ein

IHK-Präsident Clouth versuchte den Spagat. Er erinnerte einerseits an die Position der Kammer, die sich stets klar für den Bau der neuen Landebahn, aber auch für ein Nachtflugverbot ausgesprochen hatte. „Eine hervorragende Verkehrsinfrastruktur ist die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Region.“ Der Fluglärm schränke allerdings die Lebensqualität massiv ein. „Ganz besonders betroffen sind die Städte Offenbach, Neu-Isenburg und Mühlheim“, erklärte Clouth. Dabei sei der Flughafen derzeit nur zu 70 Prozent ausgelastet.

Der IHK-Präsident forderte aktiven und passiven Lärmschutz, um die Belastungen zu reduzieren. „Die Fraport AG hat hierbei eine wichtige Rolle, wenn es um die Finanzierung von passiven Schallschutzmaßnahmen und um verstärkte Anreize für die Fluggesellschaften zum Einsatz leiserer Flugzeuge geht.“ Aber auch die Flugsicherung in Langen sei ein wichtiger Partner, so Clouth. Neue An- und Abflugrouten sollten am Frankfurter Flughafen ausprobiert werden, verlangte der IHK-Präsident.

Video: Fluglärm für Fraport-Chef Schulte

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare