Mut einer Mutter als Lernobjekt

„Frau vom Checkpoint Charlie“ zu Gast an Offenbacher Schulen

+
Jutta Fleck (l.), die „Frau vom Checkpoint Charlie“, mit ihrer Tochter Beate Gallus Foto: Richter

Offenbach - Sie halten die Erinnerung an erlebtes und erlittenes Unrecht wach, bringen als Mutter und Tochter ihr Schicksal in Unterrichtsprojekten jungen Menschen nahe: Jutta Fleck und Beate Gallus. Hinter diesen beiden Namen steht die weltbekannte Geschichte der „Frau vom Checkpoint Charlie“. Von Harald H. Richter

„Die Generation, der ich bei meinen Veranstaltungen gegenübersitze, kennt die DDR und deren Unterdrückungsapparat nur aus Büchern“, sagt Fleck, heute Leiterin des Schwerpunktprojekts Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden. „Ich möchte ihnen deutsche Geschichte möglichst authentisch nahebringen.“ Deswegen ist Jutta Fleck diese Woche drei Tage in Offenbach zu Gast. Der Anlass sind Unterrichtsprojekte an der beruflichen Theodor-Heuss-Schule. An ihrer Seite steht Tochter Beate – auch sie hat einiges zu sagen.

Die heute 69-jährige Jutta Fleck hieß zu DDR-Zeiten Gallus und war die „Frau vom Checkpoint Charlie“. Das Geschehen um ihre Person sorgte in den 80er-Jahren für internationales Aufsehen, denn sie wurde zu einem Symbol für widerfahrenes Unrecht. Ihr Versuch, im Sommer 1982 mit den damals neun und elf Jahre alten Töchtern Claudia und Beate über Rumänien in die Bundesrepublik zu gelangen, scheiterte. Von den Mädchen getrennt, wurde sie wegen „versuchter Republikflucht“ zu einer Haftstrafe verurteilt und nach 22 Monaten im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck durch die Bundesregierung freigekauft. Claudia und Beate jedoch mussten in der DDR bleiben.

Für Jutta Fleck begann ein Jahre dauernder und scheinbar aussichtsloser Kampf um ihre Töchter. Am alliierten Grenzübergang Charlie in Berlin demonstrierte sie bei Wind und Wetter und verlangte die Ausreise ihrer Kinder. Jutta Fleck wurde vom Papst empfangen, machte öffentlichen Druck bei internationalen Konferenzen, kettete sich gar während eines Festaktes zum zehnten Jahrestag der KSZE-Konferenz in Wien an ein Geländer, um ein Gespräch mit Bundesaußenminister Genscher zu erzwingen. Sechs Jahre, nachdem die „Frau vom Checkpoint Charlie“ ihre Töchter das letzte Mal gesehen hatte, konnte sie Claudia und Beate im August 1988 endlich wieder in die Arme schließen.

Mut, Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Selbstbewusstsein

Auch beim gemeinsamen Auftreten in Offenbach nehmen die beiden Frauen einander in die Arme, nicht nur wegen der Fotografen. Beate Gallus unterstützt ihre Mutter bei deren Veranstaltungen, hat aber auch ein eigenes Projekt im Gepäck: HerzFace. „Es steht für Mut und Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Selbstbewusstsein“, sagt die energiegeladene 43-Jährige, deren jugendliches Äußeres mit Basecap und legerem Outfit sich vor allem durch die Liebe zu Musik und Tanz herleiten lässt. Die HerzFace-Gründerin hat in München und New York studiert, als Tänzerin und Choreografin in zahlreichen Produktionen mitgewirkt und Entertainmentkonzepte entwickelt. Wie sie hat auch Schwester Claudia, beruflich in der Filmbranche verortet, aus dem Leben im Westen etwas gemacht.

Beate Gallus‘ neuestes Vorhaben gründet sich auf ein Ereignis aus der Zeit, als sie ihrer in DDR-Haft einsitzenden Mutter ein Mut-Macher-Herz malte. „Es sollte ein Hoffnungsbringer in schweren Zeiten sein und ihr sagen, dass wir zusammengehören, egal was geschieht“, sagt sie. Diese Kinderzeichnung von Beate inspirierte die Kölner Journalistin und Autorin Ines Veith vor einigen Jahren zu dem Buch „Sternenfee Sophi und das kleine Herz“. Die Geschichte erzählt von einem traurig-trotzigen Herz, das durch Zuwendung und Liebe wieder fröhlich und mutig wird. „Diese Botschaft möchte ich hinaustragen und anderen Menschen vermitteln, Kindern genauso wie Erwachsenen.“

Lichtinstallation zum Mauerfall begeistert Berlin

Mit ihrem Projekt geht Beate Gallus daher in Kindergärten, Bibliotheken und Krankenhäuser, tourt durch Freizeitparks und Ferienclubs. „Gerade die Kleinen sind es, die sich auf spielerische Weise ermuntern lassen, selbstbewusst auf eigenen Beinen zu stehen und gleichzeitig hilfsbereit zu sein.“ Diese positiven Tugenden will Beate Gallus mit liebevoll zusammengestellten Ideen und Aktionen aus ihrem HerzFace-Projekt bei Kindern wecken und entwickeln helfen – über Grenzen hinweg, kürzlich sogar in Belgien.

Als Botschafterin für Mut und Hoffnung, Hilfsbereitschaft und Selbstbewusstsein ist sie dann als lebendiges Maskottchen unterwegs, nutzt darüber hinaus die Möglichkeiten sozialer Medien für ihre Sache. Beate Gallus hat noch mehr vor: ein eigenes Musical. Den Mut-Macher-Song „Wir sind wir“ gibt es bereits. Doch auch gemeinsam mit ihrer Mutter wird Beate Gallus weiterhin in Herzensangelegenheiten unterwegs sein – als ein starkes Frauen-Duo.

Kommentare