Frauenfastnacht mit Vier-Stunden-Schau

Himmlisches im Pfarrsaal

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Yippiieh... Frauenfastnacht in St. Pankratius! Einziger Mann auf der Bühne: Pfarrer Andreas Puckel als Protokoller.

Bürgel - 19. 31 Uhr. Ein Haufen bunter Faschingsweiber stürmt und tanzt die Pankratius-Bühne. Hunderte rot-weißer Kostüm-Karos lassen die Besucher schon beim Anblick schwindlig werden. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Und das ist nur der Auftakt zum vierstündigen Programm, in dem sämtliche männlichen Darsteller mit kreativer Verkleidungsfantasie von Frauen gespielt werden.

Nur ein männliches Wesen hat das Privileg, die Bütt betreten und für seine Zwecke nutzen zu dürfen: Pfarrer Andreas Puckel. Wohlüberlegt hat das Gemeindeoberhaupt ein Kapitänsgewand angelegt – so kann er der übermütigen Damenclique gleich demonstrieren, wer Chef im Hause ist. Neben der Enthüllung seines Werdegangs, einer Charakterisierung des neuen Berjeler Umfelds und einem kurzen politischen Ausflug verkündet er die wichtigste Botschaft des Abends: „Hurra, hurra es feiert die Katholenschar; hurra, hurra, Deutschland sucht den Superstar; hurra, hurra, warum? Ich bin doch da!“ Ach, und wehe, die Wies ist nicht gemäht oder die Tischdeck verdreht! Puckel deckt sängerisch seine Charakterschwächen auf: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Ordnung eingestellt!“ Na, dann mal ran an Besen und Putzlappen, Mädels...

Nein, das trotz jahrzehntelanger Emanzipation ewig weibliche Putzthema hat an diesem Abend Gott sei Dank fast keinen Platz in der Bütt. Die Party steht schließlich unter dem Schlagwort „Götterdämmerung in Burgilla“. Und deshalb gibt es erstmal einen Ausflug in den Himmel. Maria Hau, Petra Bohne, Silvia Habermann und Silvia Geupel zeigen, was dem Münchner Kofferträger Aloisius mit Petrus, Engel und Gott widerfährt. Weil er sich nicht an den jenseitigen Stundenplan halten will (morgens Frohlocken, nachmittags Hosianna singen), schickt Gott ihn mit einem Brief für die bayrische Regierung zurück auf die Erde. Es kommt, wie es kommen muss: Aloisius marschiert sofort ins Hofbräuhaus, vergisst seinen Auftrag – und die bajuwarischen Großkopferten warten bis heute auf die göttliche Eingebung.

Das Publikum ist überwiegend weiblich. Männer sind zwar zugelassen, trauen sich aber offensichtlich nicht so recht. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch, die Närrinnen im dreiviertel gefüllten Saal sind spätestens zur Halbzeit auf Betriebstemperatur, klatschen, kreischen, singen und tanzen ausgelassen auf den Stühlen. Das liegt nicht zuletzt an den zahlreichen musikalischen Beiträgen, die mit Hilfe des Alleinunterhalter-Duos Michael Wagner und Oliver Schalling aus Obertshausen professionell und moderatorisch unterstützt werden.

Unter geheimnisvollem Schwarzlicht vollführt Heidi Hartwig den „Schlangentanz“ mit buntem Hula-Hoop-Reifen und Gymnastikband. Für das Sardellen-Ballett Ihrer Majestät, der Königin von England, ist der Wechsel von höfischem Tanz zu Abbas Dancing Queen nur eine Frage der Flexibilität und der richtigen Kleidung. Ziemlich schräg ist der „Pariser Tango“ von Maria Hau und Petra Bohne, und das Ballett bringt ein Potpourri der vergangenen Jahre aufs Parkett.

Bilder der Frauenfastnacht St. Pankratius

Frauenfastnacht in Bürgel 

Darf auch bei keiner Frauenfaschingssitzung fehlen: Eigenarten der Geschlechter. Das seit gefühlten 100 Jahren ledige Agathche, dargestellt von Chef-Organisatorin Gisela Wiegand, steht in ihrem schönsten „Kleidsche“ und bösester hessischer Mundart in der Bütt. Trotz „bester Referenze uff de Heiratsmarkt“ und „vom Scheitel bis zur Haxe alles wie gewachse“ kriegt sie einfach keinen Kerl ab. Sie fragt sich, wo die echten Männer sind, und handelt gleich noch die weiteren Themen im Leben einer wechseljahrsgestraften Frau ab: Abnehmen, Gesundheit, Haushalt...

Ähnliches Thema, andere Kostüme: Stadtmädchen (Heidi Hartwig) und Dorftrampel (Mechthild Kretschmar) liefern sich zwischen kariertem Arbeiterhemd und glänzenden Stöckelschuhen einen bissigen Schlagabtausch der Eitelkeiten. Ende gut – alles gut: Zur Götterdämmerung sind alle wieder versöhnt. Gisela Wiegand verkörpert das Orakel vom Dalles, Pfarrer Puckel den Faschingsgott Jokus. Na denn: Gut Stuss –Ahoi!

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