Frauenhaus: frei von männlichen Hierarchien

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Eine Ausstellung von Frauen-Porträts der Fotografin Andrea Diefenbach ist anlässlich des Jubiläums des Offenbacher Frauenhauses im Rathaus zu sehen.

Offenbach - Es ist immer voll, das Offenbacher Frauenhaus. Sobald ein Platz frei wird, ist er sofort wieder belegt. Der Bedarf an einem Zufluchtsort für geschlagenen und misshandelte Frauen und deren Kinder ist ungebrochen. Und wird es wohl noch Jahrzehnte bleiben. Von Veronika Szeherova

Dabei herrschten starke politische Vorbehalte, als vor 20 Jahren der Verein „Frauen helfen Frauen“ eine solche Einrichtung in Offenbach eröffnete. Bei einer Feierstunde im Stadtverordnetensitzungssaal anlässlich des Jubiläums haben Vertreter von Stadt, Polizei und Fraueninitiativen die Arbeit des Frauenhauses gewürdigt.

Schon allein, dass die Struktur des Trägervereins egalitär und somit „ein Überbleibsel der 68er-Bewegung“ ist, bringt Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) zum Schwärmen: „Sie kommen ohne Vorsitzende aus – wir Männer waren dazu nicht in der Lage. Wir brauchen immer Hierarchien.“ Der Wunsch nach einem Frauenhaus sei eine der wenigen Gelegenheiten gewesen, bei der Parteizugehörigkeiten keine Rolle gespielt hätten. „Die Frauen aller Fraktionen haben sich dafür verbündet.“ Trotzdem war es ein zäher Kampf, bis 1993 ein Gebäude mit Spendengeldern und Hilfe der GBO zu einer solchen Einrichtung wurde. „Man muss ein schlechtes Gewissen haben, wie lange es gedauert hat“, sagt Schneider.

Auf Unterstützer angewiesen

Die Offenbacher Frauenbeauftragte Karin Dörr erinnert daran, dass sich bereits 1979 ein erster Verein für die Errichtung eines Frauenhauses eingesetzt hat. Nach zehn Jahren löste er sich auf – wegen mangelnden Erfolgs. Etwa 1500 Frauen und ebenso viele Kinder haben bisher in der Offenbacher Einrichtung Zuflucht gefunden. Die meisten stammen nicht aus der Region, weil die Nähe zum gewalttätigen Partner für sie eine Gefahr darstellt. Die Adresse des Hauses ist deshalb geheim. 32 Plätze verteilen sich auf zwölf Zimmer. „Für die Frauen bedeutet das einen riesigen Schritt – man lebt schlechter als in einer Jugendherberge, muss sich mit fremden Menschen organisieren“, so Dörr.

Das Offenbacher Frauenhaus kostet Land und Kommune jährlich knapp 240.000 Euro. Der Anteil der Stadt liegt bei 100.000 Euro. Eine Summe, auf die sich der Schutzschirm nicht auswirkt, wie der OB betont. Dennoch ist das Haus auf Unterstützer angewiesen. Die Kosten steigen, während die Zuschüsse unverändert bleiben.

„Gewalt ist teuer“, weiß auch die Gastrednerin und internationale Frauenhaus-Aktivistin Rosa Logar, die aus Wien angereist ist. „Langfristig zahlt es sich aus, in ihre Verhinderung zu investieren. Mein Vorschlag: Eine Reduzierung der staatlichen Mittel für Militärausgaben und Waffen.“ Dass Offenbachs Frauenhaus autonom betrieben werde, ist für sie beispielhaft. Andernorts geschieht die Finanzierung oft über Tagessätze nach Belegung: Je voller, desto besser. „Das ist makaber“, findet Polizeivizepräsidentin Anja Wetz.

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Jede vierte Frau weltweit erleidet zumindest einmal im Leben Gewalt durch ihren Partner. In Deutschland ist 2002 das Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten. Damit habe der Gesetzgeber häusliche Gewalt aus der dunklen Ecke geholt, die Rolle der Polizei habe sich geändert. Wetz: „Vorher trat die Polizei in solchen Fällen vermittelnd und schlichtend auf, heute interveniert sie. Wer gewalttätig ist, muss gehen.“ Seitdem wagen es mehr Frauen, Anzeige zu erstatten. Das Polizeipräsidium Südosthessen verzeichnete im vergangenen Jahr insgesamt 1085 Fälle häuslicher Gewalt, davon 1017 gegen Frauen. In Offenbach sind 295 Gewaltfälle gegen Frauen bekannt geworden, im Kreis 338.

Logar sieht vorerst kein Ende der Gewalt. „Es braucht Generationen, bis wir das überwinden.“ Angebote und Organisation des Offenbacher Frauenhauses beurteilt die Expertin durchweg positiv. „International kann man darauf als Best-Practice-Beispiel hinweisen.“ Anlässlich des Jubiläums ist im Rathaus die Ausstellung „Frauenhaus – Zuflucht und Chance“ der Fotografin Andrea Diefenbach zu sehen. Sie zeigt Porträtaufnahmen von Frauen, die im Wiesbadener Frauenhaus Zuflucht gefunden haben, und erzählt ihre persönlichen, oft sehr bewegenden Geschichten.

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