Frei-religiöse Gemeinde

Weg zur eigenen Wahrheit

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Stets eine offene Tür: Pfarrer Heinrich Keipp von der Frei-religiösen Gemeinde heißt in der Weihehalle willkommen.

Offenbach - Das Wichtigste vorweg: Ja, die Frei-religiöse Gemeinde feiert auch Weihnachten. Nur eben nicht aus christlichen Gründen. Von Eva-Maria Lill

„Wir besinnen uns auf die Wintersonnenwende. Darauf, dass die Tage wieder länger werden“, erklärt Pfarrer Heinrich Keipp. Ein ähnliches Fest mit anderer Symbolik: Der geschmückte Baum ist immergrüner Bote der Hoffnung, ab und an erklingt sogar ein christliches Lied.

Das Vorurteil der Weihnachts-Verweigerung ist nicht das einzige, das der 63-Jährige entkräften muss. „Wir sind keine Sekte, sondern Körperschaft des öffentlichen Rechts“, verdeutlicht der studierte Philosoph und Religionswissenschaftler. Oft genug begegnet er falschen Vorstellungen vom frei-religiösen Glauben. Dabei besteht die Offenbacher Gemeinde schon seit 1845. Und richtig klein ist sie mit zirka 1  500 Mitgliedern auch nicht. Das ursprüngliche Gebäude am Schillerplatz wurde 1944 Opfer eines verheerenden Luftangriffs, das neue steht seit 1955. Der Grundriss ist derselbe: Verwaltungstrakt, Jugendheim, Weihehalle.

Auch Katholiken und Protestanten kommen

Dort hält Keipp sonntags Feierstunden. „Gottesdienst heißt das bei uns nicht“, erklärt der Ludwigshafener, der seit 1983 das Amt in Offenbach inne hat. „Denn es geht nicht um Transzendenz, nicht um heilige Schriften oder eine höhere Macht.“ Stattdessen gibt es viel Musik, es wird aus philosophischen und literarischen Texten zitiert, am liebsten aus der Aufklärung.

Soweit so gut, aber was ist denn nun frei-religiös? „Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wir folgen keinen vorgegebenen Dogmen, sondern lassen jedem die Entscheidung, an was er glauben möchte.“ Heißt: Die Gemeinde ist ein Sammelbecken für Individualisten, Querdenker, Glaubenskritiker, Atheisten, Philosophen und jeden, der zwar glauben möchte, aber seinen eigenen Weg zur Wahrheit noch sucht. „Es ist jedem überlassen, ob er an Gott, ein Leben nach dem Tod oder bloß ans Hier und Jetzt glaubt. Auch viele Katholiken und Protestanten kommen zu den Veranstaltungen.“

Ursprung liegt im Christentum

Das ist kein Zufall: Denn der Ursprung des Frei-religiösen liegt im Christentum. 1844 veröffentlicht der katholische Priester Johannes Ronge einen offenen Brief gegen die Ausstellung des heiligen Rocks in Trier. Dieses Kleidungsstück soll Jesus getragen haben; Tausende geben ihr letztes Hemd, um die Pilgerfahrt bezahlen zu können. Ronge begehrt gegen den Götzendienst auf und wird exkommuniziert. Er gründet die deutsch-katholische Kirche. Zugleich spalten sich einige evangelische Geistliche von ihrer Konfession ab – verschrieen als „Lichtfreunde“: Sie glauben nicht nur an Gott, sondern auch an die wissenschaftliche Erleuchtung. Aus den freien Protestanten und den Deutsch-Katholiken entsteht der frei-religiöse Glaube. Im Gegensatz zum Christentum sind die Gemeinden autonom und unterstehen keiner Landeskirche.

„Wir haben trotzdem noch Elemente des Christentums“, erläutert Keipp. „Gott ist allerdings nicht das ewige Prinzip, nicht Anfang und Ende. Hinter dem Zaun unseres Wissens wird stets das Unbekannte stehen.“ Vielmehr sei der Wandel die einzige Konstante, der Kreislauf von Leben, Jahreszeiten und Kosmos feste Größe.

Eine Religion für die Masse wird das Frei-religiöse laut Keipp wohl auch in Zukunft nicht: „Wir verlangen unseren Mitgliedern viel ab, da wir keinen genauen Weg, keine Glaubensregeln vorschreiben. Bei uns gibt es nicht das Patentrezept zur Wahrheit. Viele wollen und können das gar nicht leisten.“

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