Freiwilligentag

Balanceakt für alle Beteiligten

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Zum heutigen Freiwilligentag sind Bürger in Offenbach und Umgebung aufgerufen, sich ein paar Stunden ehrenamtlich für soziale Projekte zu engagieren. Kritiker sehen im Ehrenamt jedoch einen Jobkiller. FZOF-Leiterin Sigrid Jacob (rechts) und Martina Geßner vom Diakonischen Werk koordinieren ehrenamtliches Engagement.

Offenbach - Ob Leseförderung für Grundschüler, Besuchsdienst im Pflegeheim, Kinderturnen oder Betreuung dementer Menschen: Etwa vier Dutzend ehrenamtliche Stellenangebote listet die städtische Internetseite auf. Von Jenny Bieniek

Ein aufgebrachter Leser nimmt dies zum Anlass, sich über den „Missbrauch des Ehrenamts in Hessen, speziell in Stadt und Kreis Offenbach“ zu beschweren. „Ich erkenne seit geraumer Zeit den Versuch, dass wichtige staatliche Aufgaben durch unbezahlte oder extrem geringfügig entschädigte Freiwilligenarbeit verrichtet werden sollen“, moniert er. Stein des Anstoßes war für ihn vor allem eine Anzeige, mit der die Eichendorffschule vermeintlich „tatkräftige ehrenamtliche Unterstützung für ihren Hausmeister“ suchte. „Staatlich betriebenes Lohndumping“, urteilt der aufgebrachte Leser, auch auf Gebieten, die zu „den vordringlichen Aufgaben des Staates gehören sollten“.

Formuliert und veröffentlicht hat die Anzeige das Freiwilligenzentrum Offenbach (FZOF). Als Vermittlungsstelle zwischen Einrichtungen und Interessenten beraten die Mitarbeiter potenzielle Ehrenamtler, klären mögliche Einsatzzeiten und -orte und prüfen, ob die zu besetzenden Stellen „ehrenamtstauglich“ sind.

Wegbereiter zum Abbau regulärer Stellen?

Wer beim heutigen Freiwilligentag mitanpacken möchte, findet Einsatzorte unter www.freiwilligentag-of.de.

Freiwilliges Engagement als Wegbereiter zum Abbau regulärer Stellen? „Nein“, lautet die klare Ansage von FZOF-Leiterin Sigrid Jacob. Die Zielgruppe sei eine ganz andere. „Zu uns kommen vor allem Menschen in Umbruchsituationen, die durch eine sinnvolle Beschäftigung weiter in sozialen Bezügen bleiben wollen“, erklärt sie unisono mit Kollegin Martina Geßner, die für das Diakonische Werk die Freiwilligenarbeit koordiniert. „Zum Beispiel neu Zugezogene oder Menschen, die zwischen Studium und Berufseinstieg oder kurz vor der Pensionierung stehen“, konkretisiert Jacob. In den Räumen an der Domstraße beraten Jacob und ihr Team pro Woche durchschnittlich vier Interessenten. „Wer zu uns kommt, will Orientierung, wir bieten die Gelegenheit dazu“, ist sie überzeugt. „Ehrenamt ist eine niederschwellige und unverbindliche Möglichkeit, sich auszuprobieren“, verteidigt Jacob ihre Arbeit.

„Die Arbeit mit Freiwilligen ist ein Mehrwert für alle Beteiligten“, ist Geßner überzeugt. Laienwissen verbinde sich wunderbar mit Fachkompetenz. Dabei dürfe sie jedoch stets nur ergänzende Aufgabe, nie Ersatz für Arbeitsplätze sein. Natürlich sei es immer eine Gratwanderung, die Entscheidung liege letztlich aber bei den Einrichtungen, so Jacob. Die Behauptung, die Ausbreitung des Ehrenamts sei eine Gefahr für den Arbeitsmarkt, macht sie fuchsig. „Die Motivlage ist beim Ehrenamt doch eine ganz andere“, betont auch Geßner. Ehrenamtler wollten an ihrem Umfeld teilhaben, statt gegen Bezahlung irgendeinen Job zu machen. „Gesellschaft im Kleinen mitgestalten“ nennt Jacob das.

Im Ehrenamt muss die Chemie stimmen

Im Gegensatz zu einer regulären Stelle müsse im Ehrenamt vor allem die Chemie stimmen. „Deswegen schicken wir nicht Hinz und Kunz, sondern treffen Vorauswahlen“, erklärt Jacob und dreht den Spieß um: „Wenn ich als Chef eine 400-Euro-Stelle ausschreibe, mache ich’s mir doch leicht, weil ich Forderungen an den anderen vertraglich regeln kann.“ Ehrenamtler dagegen beanspruchten Zeit und Aufmerksamkeit – dazu sei nicht jeder bereit. Engagement sei aber nicht für lau zu haben.

Die Hausmeisteranzeige hat das FZOF inzwischen geändert. „Zum Glück“, heißt es dazu von Seiten der Eichendorffschule. Das FZOF habe schlicht eine missverständliche Formulierung gewählt. „Wir haben zwei Hausmeister und sind von der GBM gut versorgt“, so Rektorin Doris Renkel. Man habe lediglich etwas Gutes tun wollen. „Wir haben vom FZOF einen Anruf erhalten, ob wir Unterstützung brauchen und ehrenamtliches Engagement würdigen“, erinnert sich Renkel. Als sogenannte Brennpunktschule könne man Hilfe immer brauchen, „und wir sagen trotz guter Personalabdeckung natürlich nicht nein, wenn sich jemand engagieren möchte. Aber wir verstehen Ehrenamt als Sahnehäubchen und nicht als Füller für Lücken, die ein System geschaffen hat.“

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