Wie Fremde Wurzeln schlagen

Offenbach ‐ Sie kamen als Gastarbeiter und wollten bald wieder heim. Mittlerweile sind sie zu Offenbachern mit „Migrationshintergrund“ geworden. In dieser Stadt machen sie 30 Prozent der Bevölkerung aus. In 30 Jahren könnten es 80 Prozent sein, schätzt Corrado di Benedetto, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft hessischer Ausländerbeiräte. Von Lothar R. Braun

Dabei gleichen sich die unterschiedlichen Lebensweisen immer mehr an, sagte er am Freitag im Erzählcafé der Arbeiterwohlfahrt. Im Frieda-Rudolph-Haus im Büsingpark war es dem Thema „Vom Gastarbeiter zum ansässigen Bürger“ gewidmet. Moderator Karl-Heinz Stier kam dazu mit Vertretern unterschiedlicher Migrantengruppen ins Gespräch. Beispielsweise mit Giuseppe Divici, der 1960 in Neapel einen Sonderzug bestieg, weil ihn die menschenhungrige deutsche Industrie angeworben hatte. Nur für begrenzte Zeit wollte er hier arbeiten. Jetzt lebt er als Rentner in Offenbach und sagt: „Ich war nicht einen einzigen Tag arbeitslos“.

„Die Kinder haben alle studiert.“

Ruveyda Tur verließ 1965 die Türkei, um dem schon seit zwei Jahren in Deutschland arbeitenden Ehemann nachzufolgen. Heute ist sie eine geschiedene Mutter mit drei in Offenbach geborenen Kindern und drei Enkeln und sagt: „Die Kinder haben alle studiert“. Würde sie in die Türkei zurückkehren, dann blieben ihre Kinder und Enkel hier. Aber sie denkt nicht an Rückkehr: „Offenbach ist meine Heimat. Hier kenne ich mehr Menschen als in der Türkei“. Dabei wollte auch sie 1965 nur vorübergehend hier leben.

Der Dolmetscher Abdelkader Rafoud war 14, als ihn der bereits 1970 eingewanderte Vater nachkommen ließ. Im Erzählcafé ist er für den eigentlich vorgesehenen 75jährigen Vater eingesprungen. Der nämlich war letzte Woche nach Marokko gereist, um mit der 104jährigen Großmutter das islamische Opferfest zu feiern. Sein Vater, sagte Abdelkader Rafoud, würde gern wieder nach Marokko zurückkehren, aber die Mutter will bleiben. Sie ist leidend und möchte die deutsche Gesundheitsversorgung nicht missen.

Senioren aus EU-Ländern neigen zur Heimkehr im Alter

Es gibt, wie die Veranstaltung zeigte, sehr unterschiedliche Gründe, die Einwanderer veranlassen, ihr Alter in Offenbach zu verleben. Luigi Masalla, der Integrationsbeauftragte der Stadt Offenbach, brachte dazu Statistiken mit. Sie zeigen, dass Einwanderer aus EU-Ländern im Alter eher zur Heimkehr neigen als Senioren aus anderen Ländern. Insgesamt jedoch steigt auch in Offenbach die Zahl der Senioren mit Migrationshintergrund steil an. Wie in der Mehrheitsgesellschaft gibt es auch bei ihnen den Problemkreis Vereinsamung und Altersarmut.

Das beschrieb Ali Kavakale, der Migrationsbeauftragte der Offenbacher Arbeiterwohlfahrt. Benedetto indes meinte zu wissen, bei den Migranten werde dieses Problem gemildert durch stärkere Familienbindung und ein ausgeprägteres Verantwortungsgefühl der Jungen gegenüber den Alten.

Heute viele Beratungs- und Sprachbildungshilfen

Die Gespräche mit Karl-Heinz Stier blätterten unterschiedliche Lebenserfahrungen auf. Man gespaltete Identitäten und erfuhr einiges über die harten Bedingungen, unter denen die Angeworbenen der Frühzeit ihr neues Leben begannen. Sie waren in ein Land gekommen, das sich noch nicht als Einwanderungsland verstand. Das hat sich geändert. Nicht ohne Neid betrachten Alt-Einwanderer die Beratungs- und Sprachbildungshilfen, die Neu-Einwanderer mittlerweile nutzen können.

Erkennbar wurde auch die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels, aus der bisher unbekannte Probleme erwachsen. „Die Migranten sind Teil dieser Gesellschaft geworden. Ich kann deshalb das Wort von ihrer Bringschuld nicht mehr hören“, sagte Benedetto. Er sieht eine sich formende Gemeinschaft mit neuen Problemen, die sich nur in Gemeinsamkeit lösen lassen.

Kommentare