Mit Beethoven überzeugt

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Schüchtern wirkt der neue Dekanatskirchenmusiker Friedemann Becker an der Orgel. Ist aber gar nicht. Er hat sich bereits gut eingelebt in Offenbach und freut sich auf seine Aufgaben.

Offenbach - Was wäre ein Kirchenbesuch ohne Musik? Undenkbar. Sie schafft Zusammenhalt und Sinn, bereichert den Gottesdienst. Von Veronika Szeherova

Vor allem aber ist sie ein Gotteslob – wie Psalm 150 deutlich macht: „Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen! Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!“.

Darum zitierte Dekanin Eva Reiß gerade diese Bibelstelle, als sie den neuen Dekanatskirchenmusiker Friedemann Becker in sein Amt einführte. „Deutlicher kann man nicht darauf hinweisen, dass Musik und Gesang zum Glauben gehören.“

Der sonntägliche Ostergottesdienst in der voll besetzten Lutherkirche wird Becker lange in Erinnerung bleiben. War es nicht nur der Tag seiner offiziellen Amtseinführung durch das evangelische Dekanat Offenbach, an dem Eva Reiß den Segen über ihn und seine Arbeit sprach, sondern ein Gottesdienst, an dem „alle Register gezogen“ wurden, wie Pfarrer Ulrich Knödler es formulierte. Und zwar in musikalischer Hinsicht.

Mitgewirkt haben das Blockflötenensemble unter der Leitung von Susanne Nagel, der Posaunenchor Offenbach, die Offenbacher Kantorei und die Kinderkantorei. Verantwortlich für alle Chöre: Friedemann Becker. Keine stressfreie Aufgabe – schließlich musste alles sorgfältig einstudiert und geprobt werden, und Becker dann zwischen seinem Platz an der Orgel und dem Dirigierplatz vor seinen Sängern hin- und herpendeln. Bewältigt hat er die Aufgabe anstandslos.

Kirchenmusik wurde ihm in die Wiege gelegt

Seit gut zwei Monaten arbeitet der 34-Jährige in Offenbach. Die Kirchenmusik wurde dem Reutlinger sozusagen in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind beide Kirchenmusiker, sein Vater Bezirkskantor in Reutlingen. „Das ist in etwa die württembergische Bezeichnung für einen Dekanatskirchenmusiker“, sagt er lächelnd. Reutlingen habe eine lange protestantische Tradition. Schon als Kind ging Becker zum Schulchor und den Chören seines Vaters, begleitete aber auch viele Sänger und Instrumentalisten am Klavier. Den Großteil des kirchenmusikalischen Standardrepertoires kannte er daher bereits zu Beginn seines Studiums an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen.

Davor hatte er mit einem Informatikstudium angefangen. Als er jedoch merkte, dass bei einem Vollzeit-Informatik-Job die Zeit und Energie fürs geliebte Musizieren knapp würde, entschied er sich ganz für die musikalische Laufbahn. Bei seiner Examensprüfung spielte er mit Orchesterbegleitung Beethovens Drittes Klavierkonzert – und beeindruckte damit Publikum und Prüfungskommission gleichermaßen. Nach dem Studienabschluss folgte ein einjähriges kirchenmusikalisches Praktikum, bei dem Becker im Chorbereich erste eigene Projekte selbstständig führte, Orgelschüler unterrichtete und Orgeldienste leistete. „Das waren viele wertvolle Erfahrungen, die man im Studium so nicht sammeln kann“, sagt Becker.

In Offenbach eingelebt

In der Wahl seiner Landeskirche ist er als Kirchenmusiker frei – und zögerte nicht lange, als in Offenbach die Stelle frei wurde. „Ich hatte hier den Luxus, eine perfekt funktionierende Stelle vorzufinden, die organisatorisch auch ohne mich noch mindestens ein halbes Jahr gelaufen wäre“, lobt er seinen Vorgänger Tobias Koriath. „Das hat mir den Start doch erleichtert.“ Nun trägt der junge Mann mit dem Bart selbst die Verantwortung für große organisatorische Aufgaben für die Offenbacher Kantorei, die Dekanats- und Oratorienchor ist, – von der Literaturauswahl mindestens für ein ganzes Jahr im Voraus über die Finanzierung bis hin zu den Interpretationen der Stücke und den Proben. Analog funktioniert es auch im kleineren Rahmen: Er betreut Kinderchöre und singt einmal wöchentlich mit den Kindern der Kita der Luthergemeinde. Auch die Organisation der „Offenbacher Orgeltage“ im jährlichen Wechsel mit dem „Offenbacher Tagen für Kirchenmusik“ fällt in seinen Aufgabenbereich.

In Offenbach fühlt Becker sich bereits wohl: „Ich bin ein Stadtmensch, und hier wohne ich mitten in der Innenstadt. Ich finde es gut, dass ich alles zu Fuß erreichen kann, und die S-Bahn direkt vor der Haustür fährt.“ Das Orgelspiel ist sein größtes Hobby. „Die Zeit zum Üben ist zwar oft knapp, aber ich nehme sie mir, weil es mir wichtig ist.“ Ganz besonders freut er sich, dass die Lutherkirche in zwei Jahren eine neue Orgel bekommen soll. „Ein ganz tolles spätromantisches Instrument, Baujahr 1914 von der Firma Steinmeyer“, schwärmt er. Ob er auch Hobbys neben der Musik hat? „Nur eins: Kino und Film. Eine herrlich passive Beschäftigung.“

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