Klimaplan für Offenbach

Frischluft in der Stadt

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Wetterdiensttechniker Marc Heinrich zeigt die Route, die die beiden Messfahrzeuge seit Sonntag durch die Stadt nehmen, um Daten zu sammeln. Später wird daraus eine Klimakarte der Stadt.

Offenbach - Innenstadt, Fußgängerzone: Die Luft steht, die Sonne knallt unbarmherzig auf den grauen Asphalt, jede Bewegung versetzt ins Schwitzen. Zur gleichen Zeit, an anderem Ort, gut vier Kilometer südlicher. Von Fabian El Cheikh

Angenehm kühl ist’s im Schatten unter den Bäumen auf der Rosenhöhe. Eine belebende Brise weht entlang des Trimm-dich-Pfads. Verwegene joggen dort sogar am Tage.

Fünf, sechs Grad Unterschied zwischen Innenstadt und städtischen Randbezirken – das ist an heißen Tagen wie diesen durchaus nichts Ungewöhnliches, berichtet Peter Stanislawsky. Der Meteorologe aus Potsdam untersucht im Auftrag des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und des Städtischen Umweltamts genau dieses klimatologische Phänomen, das irgendwie jeder kennt, das wissenschaftlich aber noch kaum evaluiert ist.

Wo ist die Wärmebelastung in der Stadt besonders hoch

Messinstrumente an den Autos registrieren Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und auch die Sonneneinstrahlung.

Das will der Wetterdienst ändern. Und Offenbach seinen Stadtplanern künftig die Prämisse vorgeben, den Klimawandel bei der Genehmigung von Bauprojekten stärker zu berücksichtigen. Worum es konkret geht, erläutert Dr. Heike Noppel, ebenfalls Meteorologin: „Es gilt herauszufinden, wo die Wärmebelastung in der Stadt besonders hoch ist und wo und warum es in anderen Ecken kühler ist.“ Solche Erkenntnisse gewinnen vor dem Hintergrund des Klimawandels eine nicht zu unterschätzende Brisanz.

Die entscheidende Frage: Wie warm ist es in der Stadt an heißen Sommertagen in vielleicht 10, 20 oder 30 Jahren? „Klimamodelle basieren überwiegend auf theoretischen Prognosen. Die Messungen sollen das Modell validieren, und die ersten empirischen Daten bestätigen unsere Vermutungen, dass Grünflächen wie Wälder und Parkanlagen entscheidend sind für die Zufuhr von kalter Frischluft in eng bebauten Stadtquartieren.“

Unterscheidung in drei Gebiete

Grundsätzlich gilt: Dicht bebaute, versiegelte Flächen etwa in der Innenstadt heizen sich tagsüber bei Sonnenschein besonders stark auf, wobei Hochhausschluchten auch Schatten spenden. Nach Sonnenuntergang lassen Fassaden und Asphalt die gespeicherte Wärme ab – die Folge: kaum Abkühlung in den Nächten. Im Gegensatz dazu ist es tagsüber in Waldabschnitten angenehm kühl. Spürbar wärmer ist es im Vergleich dazu auf Wiesen, die nächtens jedoch spürbar mehr abkühlen als Waldgebiete und somit fürs Stadtklima eine besonders wichtige Funktion einnehmen.

Entsprechend dieser Erkenntnisse unterscheidet die klimatologische Untersuchung in drei Gebiete – dicht und hoch bebaute Flächen, aufgelockerte Bebauung und Außenbezirke.

Die jetzige Hochdruck-Wetterlage befördert diese großen Unterschiede und bietet daher beste Voraussetzungen für die Profilmessungen. „Uns geht es ja um die Wärmebelastung.“ Deshalb ist Peter Stanislawsky mit seinem Team und zwei Messfahrzeugen bis einschließlich heute unterwegs, um im gesamten Stadtgebiet permanent Messdaten zu sammeln. „Wir messen quasi jede Sekunde.“ Als Ergänzung zu jenen temporären, fest installierten Wetterstationen, die seit April 2012 für dieses Projekt die Temperaturentwicklung in der Stadt registrieren.

Am Ende steht ein Klima-Stadtplan, der aufzeigt, welche Frischluftschneisen existieren und erhalten werden müssen. Und wo Parks angelegt, Fassaden heller gestrichen und Dächer begrünt werden sollten. Noch konkreter: „Auf roten Flächen sollten dann etwa keine Seniorenheime mehr entstehen“, so Stanislawsky.

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