Das frisst Löcher in die Seele

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Caritas hilft Offenbacher Familien im Josefsheim den Alltag zu meistern

Offenbach - Armut hat viele, hässliche Gesichter. Sie alle gehören auch zu Offenbach: Menschen, die kaum ihre Wohnung verlassen. Die sich isolieren, mit niemandem sprechen, vom Alltag überfordert sind. Kinder, die keinem Hobby nachgehen können. Von Veronika Szeherova

Die stundenlang vorm Fernseher sitzen und Chips essen. Die noch nie ein Wochenende außerhalb der Stadt verbracht haben. Mütter, die überfordert sind. Die nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Menschen, die einen Arzt brauchen. Für die eine Behandlung aber unbezahlbar ist.

Eine Liste von Problemen, die sich noch lange fortführen ließe. Und die nicht nur Bestandteil des Alltags in vielen Offenbacher Familien, sondern auch der Arbeit der Helfer bei der Caritas ist. „Die Themen der Stadt spiegeln sich in unserer Arbeit wieder“, sagt Günter Rothenberg, Mitarbeiter im Fachbereich Beratung für Kinder, Jugendliche, Eltern und Paare. Blickt das Caritashaus St. Josef auf das Jahr 2011 zurück, spiegelt sich darin deutlich das aktuelle Jahresthema des Deutschen Caritasverbandes: „Armut macht krank.“

2011 kamen 2000 Ratsuchende

Über 2000 Ratsuchende kamen vergangenes Jahr in das Josefshaus, von Kindern über junge Eltern bis zu Senioren. Armut zieht sich wie ein roter Faden durch viele Schicksale. „Armut bedeutet immer auch sozialen Stress und damit einen Angriff auf die seelische Gesundheit“, weiß Rothenberg. „Wer arm ist, fühlt sich ohnmächtig, dem fehlt das Grundgefühl, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können – das frisst Löcher in die Seele.“

Erwachsene, die seit langer Zeit arbeitslos sind, leiden oft unter einem chronischen Verfall ihres Selbstwertgefühls. Zusammen mit Schamgefühlen könne das zu völliger sozialer Isolation führen. „Wir haben hier manchmal Menschen sitzen, die haben die ganze Woche noch mit niemandem gesprochen“, so Rothenberg. Sogar Fähigkeiten, die sonst selbstverständlich sind, gingen diesen Menschen abhanden. „Auf eine Frage überhaupt adäquat zu reagieren, fällt dann oft schon schwer.“

Der Alltag als größte Anstrengung

Der einfache Alltag wird in diesem Zustand als größte Anstrengung empfunden. Der Experte erläutert: „Zu einem gelingenden Leben gehört die Einbindung in ein soziales System, die Fähigkeit zu gelungenen Beziehungen, Wertschätzung und seelische Widerstandskraft. Diesen Menschen fehlt das.“ Die Caritas führt mit ihnen Einzelgespräche, setzt aber auch vermehrt auf Gruppenarbeit. So gründete sie eigens zum Thema Resilienz (Widerstandsfähigkeit) die Gruppe „Wetterfest“.

Weitere Gruppen gibt es etwa für Suchtkranke, für Frauen mit Migrationshintergrund, für Hausaufgabenbetreuung und für Senioren. „Ziel ist, miteinander ins Gespräch zu kommen, Hemmungen vor dem Miteinander zu verlieren, teilhaben, soziale Kompetenzen stärken“, beschreibt Michelle Serret vom Fachbereich Soziale Sicherung.

Wochenausflüge gehören zum Programm

Gemeinsame Wochenendausflüge gehören ebenfalls zum Programm, ob für Familien oder für Kinder von der Hausaufgabenhilfe. Voriges Jahr fuhr eine Gruppe von 15 Schülern mit den Betreuern nach Wiesbaden. „Manche erzählten uns danach, dass sie das erste Mal an einem Wochenende draußen waren aus Offenbach“, sagt Frank Mach, Leiter des Hauses St. Josef. „Ihre Familien können sich Ausflüge nicht leisten.“

Auch Hobbys nachzugehen sei oft unmöglich. „Für die Eltern ist es schlicht zu teuer, ihre Kinder dahin zu bringen oder gar mit der Sportausrüstung auszustatten“, erklärt Caritasdirektor Bernd Bleines. Armut zeige sich letztlich nicht nur in seelischer, sondern auch in körperlicher Krankheit. „Kinder in armen Familien sind oft fehlernährt, haben Übergewicht oder leiden sogar unter Diabetes“, sagt Rothenberg. „Sie sitzen zu viel vor dem Fernseher, ihnen fehlt Bewegung und geistige Anregung.“

Auch Schwangerschaftsberatung bietet die Caritas an

Schon bevor ein Kind überhaupt da ist, herrscht oft Beratungsbedarf. Schwangerenberatung ist daher ein weiteres Angebot der Caritas. Zu einem Problem hat sich die Freizügigkeitsregelung der EU entwickelt. „Jeden Monat kommen drei bis vier schwangere Frauen, die auf diese Weise nach Deutschland gekommen sind und hier nicht krankenversichert sind“, so Serret. Sie stammen meist aus Ländern wie Bulgarien und Rumänien. „Wir als Anwalt dieser Menschen verweisen an Behörden, erleichtern die Kontaktaufnahme, regeln die medizinische Grundversorgung“, erläutert Mach. Doch an der medizinischen Versorgung hapere es nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund. Viele könnten sich die Fahrt zum Arzt, die Praxisgebühr und Medikamente nicht leisten.

Es ist also viel zu tun für die 20 Mitarbeiter auf 13,5 Planstellen im Caritashaus St. Josef. mehr als 6000 Beratungsstunden bewältigten sie im vergangenen Jahr. Finanziert wird ihre Arbeit zur Hälfte vom Staat. Die andere Hälfte setzt sich zusammen aus Eigenmitteln wie der Kirchensteuer (zirka 2,5 Millionen Euro jährlich im gesamten Kreis Offenbach) sowie Spenden. Die Ratsuchenden kommen meist aus eigenem Antrieb. Mach: „Wir sind als offenes Haus bekannt.“

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