Fröbelschule: Nicht behindertengerecht

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Jeden Morgen kurz vor 10 Uhr: Bis zu 20 Minuten dauert es, bis alle auf den Rollstuhl angewiesenen Fröbelschüler in ihren Klassenräumen sind. Nur einen Aufzug für Personen- wie Materialtransporte gibt es im Gebäude.

Offenbach - Die eindrucksvolle Demonstration ist eigentlich keine, sondern Alltag. Vor dem einzigen Aufzug des verschachtelten Gebäudekomplexes stauen sich jeden Morgen die Rollstühle. Oft passt nur ein Gefährt rein. Von Thomas Kirstein 

Andere Zugänge in die allesamt nicht ebenerdigen Klassen-, Fach- und Therapieräume existieren nicht. So wenig behindertengerecht wie die Schule für teils mehrfach Schwerstbehinderte ist wohl kaum eine andere Bildungseinrichtung der Stadt. Das verwundert nicht, wurde das Kerngebäude der heutigen Fröbelschule an der Goethestraße doch einst für die Zwecke des städtischen Bauamts errichtet.

Von den grundlegenden Mängeln abgesehen: Seit der vor knapp 50 Jahren begonnenen Nutzung als Lehranstalt hat es dort keine umfassende Renovierung gegeben. Eine 2011 grob auf 6,7 Millionen Euro geschätzte Sanierung hätte 2013 den Status „Planung und Ausführung“ haben und bis 2016 abgeschlossen sein sollen. Bislang ist nicht einmal ein Architekt mit der Sichtung betraut gewesen. So ist die Fröbelschule zweites Ziel der beispiellosen Aktion der Interessengemeinschaft Offenbacher Schulleiter und des Stadtelternbeirats. Wie berichtet, haben sich die Pädagogen an Entscheidungsträger auf Landesebene gewandt. Öffentlichkeitswirksame Besichtigungen einzelner Schulen gibt es noch heute und morgen.

Die Fröbelschule für praktisch Bildbare nennt sich inzwischen „Schule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und Abteilung für körperlich-motorische Entwicklung“. An ihr werden 100 Kinder und Jugendliche von 60 Lehrern, Erziehern und „Teilhabeassistenten“ betreut werden.

Ein Aufzug mehr müsste es sein

Ruth Steinheimer ist seit 1. September kommissarische Leiterin. Bevor sie als Konrektorin nach Offenbach kam, war sie an einer Frankfurter Privatschule für seelisch Behinderte tätig. Waren die mehr als unzureichenden Verhältnisse an der Goethestraße ein Schock für sie? Nein, aber nur, weil sie die Fröbelschule schon vorher kannte. Mit allen baulichen Nachteilen vertraut ist Lehrer Thomas Kühn. Als Vater eines behinderten Sohns engagiert er sich auch als Vorsitzender des Fördervereins. „Wir Lehrer und die Hausmeister müssen sehr kreativ sein“, sagt er. Der Schulalltag lebe von Improvisation, ergänzt Ruth Steinheimer.

Würdelos: Ein richtiger Wickelraum fehlt.

Eigentlich, da sind sich beide einig mit Petra Blaufuß, der Vorsitzenden des Stadtelternbeirats, wäre ein barrierefreier Neubau mit ausreichendem Raumkonzept die sinnvollste Lösung. Da es einen solchen kaum geben wird, ist die Wunsch- und Mängelbeseitigungsliste lang. Mindestens ein weiterer, ausreichend großer Aufzug müsste sein: Gegenwärtig plagt nicht nur der tägliche Stau, sondern auch die Unmöglichkeit für viele, sich selbstständig zwischen den Ebenen zu bewegen. 22 der 100 Schüler sind auf den Rollstuhl angewiesen; sie zu Logopädie, Physio- oder Ergotherapie zu bringen, ist ein logistisches Problem. Den Teufel eines Brandfalls will niemand an die Wand malen.

Zudem fehlt ein zumutbarer Wickelraum: Zum Wechseln von Windeln müssen die Kinder und Jugendlichen derzeit in eine enge, offen stehende Toilette gebracht werden. „Die Situation ist für die Kinder schlimm, das ist schon würdelos“, befindet Ruth Steinheimer.

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Spielfest für Schüler mit Behinderungen

Generell ist alles beengt, prinzipiell müsste aufgestockt werden: Die Kapazität der Schule ist erreicht. Demnächst will die Stadt wegen der Kosten zudem nicht mehr zulassen, dass behinderte Kinder Einrichtungen im Kreis besuchen.

Das Mobiliar wirkt, als wäre es seit 20 Jahren nicht erneuert worden. Der leicht nach Urin riechende Teppichboden ist überfällig. Ein Lehrerzimmer, in dem mehr als vier der 40 Pädagogen zusammenkommen könnten, fehlt. Pläne für die notwendigen Verbesserungen und Veränderungen gibt es noch nicht.

Derweil müht sich die städtische Gebäudemanagement GmbH redlich um erträgliche Zustände. Eine abgehängte Decke wurde entfernt, weil die Aufhängung marode war; demnächst soll das Kabelgewirr wieder verkleidet sein. Alle zwei Tage werden die Trinkwasserleitungen durchgespült: Aus den sehr betagten Rohren kommt rostiges Nass. Und auch das Rattenproblem in der alten Kanalisation ist angegangen. In diesem Winter, so die Hoffnung, soll es aus den Schächten nicht mehr so übel müffeln. Es gibt noch mehr zu tun in der Fröbelschule. Die Zustände seien „herausfordernd“, formuliert Leiterin Ruth Steinheimer milde. Eigentlich aber meint sie „untragbar“.

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