Fröbelschule: Rollstühle stehen Schlange

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Morgens, 8.15 Uhr, in der Eingangshalle der Fröbelschule: Bis zu 21 Rollstühle stauen sich vor dem einzigen Aufzug, der die teils mehrfach schwerstbehinderten Kinder auf die drei Stockwerke verteilt. Höchstens zwei gleichzeitig passen in den Lift. Der ist 30 Jahre alt und geht mitunter kaputt.

Offenbach - Der Anblick ist einmalig, aber nicht schön. Werktags um 8.15 Uhr stehen die Rollstühle Schlange vor dem Aufzug. Es ist der einzige Lift in einer Schule, die für 60 Kinder ohne Rollstuhl ausgelegt war. Von Markus Terharn 

Und die mit 100 körperlich oder geistig teils mehrfach schwerstbehinderten Schülern, davon 21 „Rollis“, aus allen Nähten platzt. „Pünktlicher Unterrichtsbeginn ist da nicht möglich“, klagt Sigrun Blum, Mutter einer Schülerin. Verteilen sich die Klassenzimmer doch auf drei Stockwerke. Maximal zwei Rollstühle passen in den Fahrstuhl. „20 Minuten Wartezeit sind da normal“, weiß Mutter Yvonne Schweitzer. Früher kommen geht nicht, da viele mit dem Schulbus gebracht werden. Wenn der 30 Jahre alte Fahrstuhl ausfällt, wird in der Turnhalle oder auf dem Flur unterrichtet.

Von einer grotesken Begebenheit berichtet Thomas Kühn, in Personalunion Lehrer, Vater eines behinderten Sohns und Vorsitzender des Fördervereins. „Als der Lift mal defekt war, saß ein Mann von der Firma mehrere Tage obendrauf, um die Türen von Hand zu bedienen...“

Kühn kennt viele solche Geschichten. Von der Toilette ohne Lüftung, deren Oberlicht sich inzwischen wenigstens öffnen lässt. Von Schülern, die Windeln tragen und auf dem Fußboden oder im Mädchen-WC gewickelt werden – auch die Jungen. Von Klassenräumen, die zu klein, und Fachräumen, die nicht barrierefrei sind. Von Wasserleitungen, aus denen montags braune Brühe fließt, und von Bakterienbefall. Von vergifteten Ratten, deren Kadaver nicht erreichbar sind und vor sich hin stinken. „Das sind unhaltbare und unhygienische Zustände“, fassen die Mütter zusammen.

Unzumutbarer Lärm

Das städtische Gebäudemanagement nimmt Kühn gegen Kritik in Schutz: „Die Mitarbeiter tun, was sie können, oft sogar in ihrer Freizeit.“ So zeigt er sich mit der Gestaltung des Geländes sehr zufrieden.

Gewickelt werden müssen Schüler behelfsmäßig auf der Toilette.

Doch im Innern hakt es zunehmend. Seit Monaten ist die schalldämmende Decke in den Korridoren abgehängt. „Der Lärmpegel ist unzumutbar“, betonen die engagierten Eltern. Viele Schüler seien stark wahrnehmungsgestört, sie litten besonders. Zu schweigen von der Gefahr durch herabhängende Stromkabel, die für größere Schüler (die Altersspanne reicht von fünf bis 21 Jahren) mühelos mit Händen greifbar sind. Auch bei der Sicherheit liegt einiges im Argen. Zwar steht auf dem Papier ein Evakuierungskonzept. „Aber ob im Notfall wirklich alle Kinder die Fluchtwege oder die Brandschutzräume erreichen und gerettet werden können, wagen wir zu bezweifeln“, warnt Laura Frahler, deren Sohn im Rollstuhl sitzt.

Nicht zuletzt mangelt es an Unterbringungsmöglichkeiten für die Rollstuhlkinder, die keine acht Stunden am Tag in ihrem Gefährt sitzen können. Es gibt zwar fahrbare Lifter, aber die sind für viele Räume zu groß. Geräte zur Schulung von Motorik und Wahrnehmung können nicht angeschafft werden, da Stauraum fehlt.

Jazzmatinee an Fröbelschule (2012)

Jazzmatinee der Leibniz- und Fröbelschule

Diese Fülle der Probleme macht klar, was die Eltern ganz deutlich formulieren: Eigentlich ist es mit einer noch so umfassenden Sanierung im Bestand nicht getan. „Die einzige Möglichkeit, der geänderten Schülerschaft und den aktuellen Standards gerecht zu werden, ist ein neues, ebenerdiges und behindertengerechtes Schulgebäude mit großem Schulhof.“ Schließlich bräuchten die Fröbelschüler eine besondere Versorgung, könnten bei Bauarbeiten kaum in Containern untergebracht werden.

In Zeiten der Inklusion, die immer mehr behinderte Kinder auf Regelschulen bringt, werden an der Fröbelschule nur noch diejenigen unterrichtet, die so stark beeinträchtigt sind, dass sie woanders nicht integrierbar sind. Dies, so Yvonne Schweitzer, gehe keineswegs nur die betroffenen Eltern etwas an: „Unsere Kinder bereichern die gesamte Gesellschaft!“

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